Geschäft mit dem 9. Mai
Wie die Russen am „Siegeskult“ verdienen

Das Kriegsgedenken ist den Russen heilig, der 9. Mai ihr wichtigster Feiertag. Dann werden vor allem die Veteranen des Zweiten Weltkriegs geehrt. Bisweilen nimmt der Siegeskult aber skurrile Züge an.
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MoskauBlutrot weht die Sowjetfahne auf einer Keksdose, daneben rollt auf einer Pralinenschachtel martialisch ein Panzer. „Grüße von der Front“, steht auf der Packung mit Schokolade in einem Moskauer Supermarkt, und daneben: „Wir marschieren nach Berlin!“

Wie nie zuvor blüht vor dem 70. Jahrestag des Kriegsendes am 9. Mai in Russland das Geschäft mit dem „Siegeskult“. Die Regale sind voll mit dem „süßen Geschmack des Triumphes“ über den Faschismus 1945. Für Kritiker sind die Verpackungen aber bloß „Kriegskitsch“.

Viele in Russland beklagen heute, dass die Kultur des Erinnerns Jahrzehnte nach dem Krieg immer mehr verloren geht. Bisweilen nimmt das Feiern skurrile Auswüchse an: Medien berichten über Konditoreiwettbewerbe mit essbaren Figuren der Opfer des Faschismus, über Reklameaktionen mit der Symbolik des Kriegsgedenkens oder gar über Striptease-Abende zum 9. Mai, dem wichtigsten Feiertag des Landes. Russische Medien sind derzeit voll mit solchen Geschichten.

Beliebt sind etwa Rabattangebote von 70 Prozent zum 70. Jahrestag des Kriegsendes, wie auf dem Newski-Prospekt in St. Petersburg ein Plakat an einem Juwelierladen zeigt. Der weltberühmte Porzellanhersteller der Newa-Metropole hat extra eine Sonderserie mit Tellern und Tassen herausgebracht. Orange-schwarze Georgsbänder zieren das Geschirr mit Zeichnungen von der Einnahme Berlins durch die Rote Armee 1945.

Die Boulevardzeitung „Moskowski Komsomolez“ („MK“) berichtet von Bier-Werbung vor dem Hintergrund der sowjetischen Flagge, die Rotarmisten 1945 auf dem Reichstag hissten. Dabei beklagt das Blatt, dass „jene, für die einst unsere Väter und Großväter von einem friedlichen Himmel über den Köpfen träumten“, heute weit entfernt seien von der Tragödie.

Viele „verlieren das Verständnis, was zu einem normalen und was zu einem unnormalen, was zu einem angemessenen und was zu einem beleidigenden Gedenken gehört“, schreibt „MK“. In Jekaterinburg sorgte eine Beerdigungsfirma unlängst für Aufsehen, weil sie Kriegsveteranen zum Teetrinken einlud und mit Gutscheinen für „Dienstleistungen“ der Firma beschenkte.

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