Geschäfte mit Senioren
Japans Wirtschaft umgarnt die Rentner

Japans Wirtschaft umgarnt die Rentner – weil sie viel wissen und weil sie gerne viel Geld ausgeben. Nun wollen endlich auch deutsche Firmen in den "Silbermarkt" einsteigen.

TOKIO. Noch bevor man richtig nachdenken kann, ist man schon mit ihm verabredet. „Ja“, sagt Herr Ito gebieterisch, bevor er den Hörer des Telefons abrupt auflegt, „wir sehen uns dann im Hotel.“ Herr Ito ist es gewohnt, Befehle zu erteilen, vor kurzem war er Geschäftsführer eines großen Elektronikhersteller – nun, Mitte Mai, macht er dem Besuch aus Deutschland seine Aufwartung. Und wann immer er sich im Laufe des Gesprächs nicht sofort verstanden fühlt, zückt der kleine Japaner mit der großen Brille einen grünen Kugelschreiber und malt seine Sicht der Dinge aufs Papier. Die besteht zuvorderst aus Zacken, Linien und Kreisen – und einem Land namens China. China, sagt Herr Ito, das ist eine Bedrohung.

Herr Taguchi sieht aus wie eine Kreuzung aus Koalabär und Yoda, dem weisen Männchen aus „Krieg der Sterne“. Herr Taguchi ist ein lustiger Kerl, er lacht viel und keckernd, und er ist höchst aktiv. Ständig ist er auf Reisen, mal mit seinem Kumpel Takeshi, mal mit seiner Frau Keiko. Früher war Herr Taguchi bei der großen Marunouchi-Bank beschäftigt. Doch heute findet er bei einer kleinen Führung durch Tokio nicht mehr den Weg durchs Gewimmel. Aber das ist kein Problem: einfach fragen. Herr Taguchi hat das Fragen im Blut.

Ach so, Herr Ito, das darf nicht vergessen werden, ist 74 Jahre alt, Herr Taguchi sogar 81.

Herr Kohlbacher ist viel jünger, er wird erst 30, aber er weiß trotzdem alles über die Probleme der alternden Gesellschaft in Japan. Und er kennt Herrn Ito und Herrn Taguchi, nicht persönlich, aber als gesellschaftliches Phänomen. Denn Kohlbacher arbeitet für das Deutsche Institut für Japanstudien, und die beiden älteren Herren repräsentieren die Kategorien Menschen, die in Japan einen der größten Wirtschaftsfaktoren darstellen: Ex-Geschäftsleute mit angehäuftem Wissen – und unermüdliche, konsumfreudige Rentner. Die erste Gruppe macht der japanischen Wirtschaft erhebliche Probleme. Die zweite könnte sie reich machen.

Im Besprechungsraum von Florian Kohlbacher in Tokio steht ein kleiner Tisch, sonst nichts. Kein Aktenordner, nirgends. Die Fakten hat der Wissenschaftler im Kopf. Kohlbacher ist halber Österreicher, ein smarter Typ obendrein, mit orangefarbener Krawatte und hellblauen Augen. Und während draußen ein Taifun Wasser speit, spuckt Kohlbacher Zahlen aus, ohne einmal Luft zu holen.

Die Kurzform lautet: Die japanischen Rentner werden nicht nur immer mehr. Sie sind auch ziemlich vermögend – und allem Neuen gegenüber sehr aufgeschlossen. „Die Pensionäre“, resümiert Kohlbacher trocken, „sind fit, haben viel Geld und viel Zeit.“

Am morgigen Freitag wird sein Institut zusammen mit der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Tokio die Ergebnisse einer Umfrage bekanntgeben, die ermitteln will, ob auch deutsche Unternehmen diesen milliardenschweren „Silbermarkt“ schon entdeckt haben. Derzeit sieht es eher nicht danach aus. „Bislang“, sagt Kohlbacher mit leichtem Tadel in der Stimme, „haben wir nur wenige Anbieter gefunden.“

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