Geschäftsmodell auf dem Prüfstand

Europas Großbanken drohen tiefe Einschnitte

Die EU will die Großbanken beschneiden. Eine Expertengruppe fordert die Abspaltung des Wertpapier-Eigenhandels vom Kundengeschäft. Frankreichs Regierung hat derweil ähnlich Pläne wie SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.
Update: 02.10.2012 - 17:25 Uhr 13 Kommentare
Erkki Liikanen (links) legte seine Empfehlung EU-Kommissar Michel Barnier vor. Quelle: dapd

Erkki Liikanen (links) legte seine Empfehlung EU-Kommissar Michel Barnier vor.

(Foto: dapd)

BrüsselEine Expertengruppe unter der Führung des finnischen Notenbankchefs Erkki Liikanen hat einschneidende Vorschläge zu Neuordnung der europäischen Banken vorgelegt. Sie verlangt, dass die Geldhäuser „besonders riskante finanzielle Aktivitäten“ vom Rest ihres Geschäfts abtrennen. Das geht aus einem umfangreichen Bericht hervor, den Liikanen heute an EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier übergeben hat.

Abgetrennt werden müsse „der Eigenhandel mit Wertpapieren und Derivaten und andere eng mit den Wertpapier- und Derivatemärkten verknüpfte Aktivitäten“, heißt es in der Zusammenfassung des Berichts. Diese Geschäfte müssten in eine vom Rest der Bank „rechtlich abgetrennte Institution“ verlagert werden. Dabei könne es sich zum Beispiel um einen Investmentfonds oder um eine Investmentbank handeln. Der Bericht war von der EU-Kommission in Auftrag gegeben worden.

In Deutschland hatte der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in der vergangenen Woche Pläne für ein Trennbankensystem vorgelegt. Frankreichs Premierminister Jean-Marc Ayrault kündigte heute vor dem

Parlament an , dass seine Regierung die Banken in einen Teil für Einlagengeschäft und einen für riskante Geschäfte trennen werde. Frankreich wolle nicht auf eine EU-Entscheidung warten.

Von den EU-Plänen für eine Aufspaltung betroffen sein sollen allerdings nur solche Banken, die in beträchtlichem Ausmaß Eigenhandel betreiben. Dafür nennt die Gruppe zwei mögliche Schwellenwerte. Betroffen könnten Banken sein, deren riskante Investmentbankaktivitäten auf eigene Rechnung mehr als 15 bis 25 Prozent des Bilanzvolumens betragen. Als Alternative könne man den Schwellenwert auch absolut beziffern. Banken mit riskanten Eigenhandelsaktivitäten von mehr als 100 Milliarden Euro sollten verpflichtet werden, das Geschäft abzutrennen.

Banken, die unter diese Kriterien fallen würden, müssten anschließend von den Aufsichtsbehörden näher untersucht werden. Die EU-Kommission solle dann entscheiden, welche Geschäfte die Bank konkret auslagern müsse in eine rechtlich abgetrennte Investmentbank. Nicht von der Auslagerung betroffen sein sollen Geschäfte mit Derivaten, die Banken im Auftrag von Firmenkunden tätigen.

Die europäischen Pläne sind in Deutschland für den Marktführer Deutsche Bank relevant. Sie hat allerdings nach eigenen Angaben den Eigenhandel bereits weitgehend eingestellt. Allerdings gibt es unterschiedliche Auffassung, was genau zum Eigenhandel gezählt wird. Hugo Bänziger, bis Mai diesen Jahres Risiko-Vorstand der Deutschen Bank, ist Mitglieder der Liikanen-Kommission.

Im Interview mit dem Handelsblatt hatte Paul Achleitner, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, gesagt, der "Eigenhandel ohne Kundenbezug" des Instituts sei im Zuge der Finanzkrise vom jetzigen Bank-Chef Anshu Jain bereits 2009 "dichtgemacht".

Auf die Frage, wie er Eigenhandel mit Kundenbezug definiert, hatte Achleitner zwei Beispiele gegeben: "Wenn Sie als mittelständischer Unternehmer zu mir kommen und gerne Zloty wollen, dann nehme ich die Transaktion als Bank erst einmal auf mein Buch - das ist Eigenhandel, allerdings mit Kundenbezug. Oder: Ein Industrieunternehmen möchte eine Kapitalerhöhung machen und wünscht sich von der Bank die Garantie, dass die Aktien zu einem gewissen Wert platziert werden. Auch das ist, wenn Sie so wollen, eine Art von Eigenhandel, wieder mit Kundenbezug."

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13 Kommentare zu "Geschäftsmodell auf dem Prüfstand: Europas Großbanken drohen tiefe Einschnitte"

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  • Augenwischerei zwecks Volksberuhigung......

  • Das Problem sind nicht die Banken sondern die Politiker. Insbesondere die in Brüssel. An dieser Stelle würde ich mir tiefe Einschnitte wünschen: vorzugsweise zwischen Kopf und Torso jedes nutzlosen Politikerdrecks der sich in Brüssel tummelt!

  • Alles mögliche droht: ganz gewiß jedoch nicht tiefe Einschnitte bei Europas Großbanken und mitunter wird man den Eindruck nicht ganz los, dass Hasengeschwefel schon für politisches Handeln genommen werden soll.
    Aber wen interessiert sowas?
    Und warum?

    Die einzigen, die die Gürtel künftig noch etwas enger schnallen dürfen, das werden die als üblich geltenden Verdächtigen machen müssen.

    Daran will weder Steinbrück, noch die Linke noch irgendwas ändern können noch wollen, geschweige denn die Grünen irgendetwas ändern können noch wollen, sollte ihnen an ihrer politischen "Reputation" gelegen sein.

    Cmon: man sollte weniger darauf achten welcher Sand dem Lumpenproletariat in die Augen gestreut werden soll, als eher darauf, wie sich die Führungseliten gegenseitig Sand in die Augen zu streuen gedenken.
    Und es auch machen.

    Das Lumpenproletariat gilt als von Frau von den Laien, wie von den Laienpolitikern der FDP als längst abgehängt.

    Nun geht es eigentlich nur noch darum mit dieser fait accompli so umzugehen, dass sie nicht die Mistforken aus dem Koffer zieht.

    Dafür wurde Steinbrück auserkoren.

    Dass er das ebensowenig zu handlen vermag wie seine Mitwettbewerber auf der politischen Bühne dürfte klar geworden sein.

    Was aus diesem Land indes geworden ist seit der "geistig moralischen Wende" der Aera Kohl ist wenig mehr als ein Land im Zustand fortgeschrittener Privatisierung von Steuermitteln.

    Man mag davon halten was man will.

    Witzig jedenfalls wird das nicht werden.

  • Nichts anderes als verlegenes Säbelrasseln seitens der Politik. Was wird passieren? Die Wirtschaftskrise wird sich verschärfen und damit nicht nur die Unzufriedenheit der Wähler vergrößern sondern auch die Steuereinnahmen (auch zur Finanzierung der Staatsschulden) verringern. In ihrer Verlegenheit werden die Politiker und die EZB sich dann wieder auf die Banken berufen die Wirtschaft mit neuen Krediten zu stützen. Und schon haben die Banken wieder das Messer mit dem Griff in der Hand und können ihre Konditionen diktieren. Zu allem Überfluss werden die Banken dann aber die zum großen Teil von der EZB zur Verfügung gestellten Mittel, dank zu niedriger Zinsen und damit zu geringem Verdienstmöglichkeiten, nicht in Form von Krediten an die Wirtschaft, ganz im Besonderen der Mittelständischen, weiterleiten, sondern sie wieder für Eigenspekulation verwenden. Die sich in der Defensive befindenden Politiker werden dies, da unter Druck und vor allem die Konsequenzen fürchtend, nicht verhindern.

  • mit der politischen sprachschöpfung " systemrelevanz" wird erst die rettung mit steuermrd. und nun die sceinlösung der aufspaltung gerechtfertigt.
    allerdings: warum haben die banken nicht freiwillig eigene selbstfinanzierte notfonds - und zwar primär national gebildet?

  • Die Ursache sind nicht die Banken. Es sind die Politiker die das Geld raushauen um an der Macht zu bleiben.
    Toll wenn man gleichzeitig die Gesetze dazu machen kann, dass die Banken Staatsanleihen praktisch haben müssen.......

  • Ähm wozu Schattenbanken in der Karibik?
    Wenn man das Geschäft nur rechlich auslagern muss, kann man es immernoch durchführen, lediglich das Risiko ist ein anderes. Eine Verlagerung ins Ausland ist dabei gar nicht notwendig

  • Auf EU-Ebene ist das niemals durchsetzbar. UK wird als erstes dagegen sturmlaufen. Und eine Regelung bei der die Deutschen wieder die ehrlichen - dann regulierten - Dummen sind und alle anderen Banken im Ausland mit ihren Regulierungsumgehungs-Vehicles die grüße Kohle machen während unsere Banken zerschlagen nur noch in der Kreisliga kicken kann sich auch niemand wünschen. Genau aus dem Grund wird jede relevante Bankenregulierung scheitern. Über alle relevanten Rechtsräume hinweg wird es noch nicht mal einen kleinsten gemeinsamen Nenner geben. Die Bankster-Lobbies in den angelsächsischen Ländern sind zu stark, die Abhängigkeit der Politiker zu groß. Die Kapitalmobilität beispiellos in der Wirtschaftsgeschichte. Den Mut, die regulierungsaversiven Rechtsräume und Regierungen als das zu behandeln was sie sind, das größte Risiko für unseren Wohlstand, Sicherheit und Freiheit, als FEINDE und BEDROHUNG hat in Deutschland garantiert niemand.

  • Bravo möchte man ausrufen. Endlich ein Vorschlag, der die wahre Ursache der Krise in Europa beheben könnte. Nur leider nicht durchsetzbar. Dafür sorgen schon die Lobbyisten der Finanzindustrie und die Goldmänner aus der Wall Street. Das Schicksal von Dodd-Frank Act und Volcker Rule wurde ähnlich besiegelt. Außerdem, wie soll das "Desaster Derivatehandel" entschärft werden? http://der-oekonomiker.blogspot.de/2012/07/stanpunkt-291-derivate-desaster.html

  • da ist viel.. dran...

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