Gescheiterter Putschversuch in der Türkei
Trügerischer Siegesrausch in Istanbul

Tausende feiern den gescheiterten Putsch auf den Straßen Istanbuls, als hätten sie ein WM-Finale gewonnen. Doch etwas fehlt: die Touristen. Und eine gefährliche Abstumpfung mischt sich in die Feierlaune. Ein Report.
  • 54

IstanbulDer Sprecher brüllt in das Mikrofon, als lautete sein einziger Auftrag, der Menge vor ihm einzuheizen. Er könnte auch flüstern, denn die vielen Tausend Menschen, die sich um ein Uhr nachts auf dem zentralen Taksim-Platz in Istanbul versammelt haben, sind in Feierlaune. Jeder trägt eine rote Flagge, schwenkt sie entweder in der Hand oder hat sie um den Körper gehängt.

Dann explodiert die Menge fast: Der Moderator holt einen Jungen auf die Bühne. Er soll den Istiklal Marsi spielen, den Unabhängigkeitsmarsch. Das ist die Nationalhymne der Türkei. Mit vorpubertärer Stimme schreit der vielleicht Zwölfjährige die Verse ins Mikrofon, die Menge tut es ihm gleich: „Nicht wend' dein Antlitz von uns / O Halbmond, ewig sieggewohnt. / Scheine uns freundlich / Und schenke Frieden uns und Glück, / Dem Heldenvolk, das dir sein Blut geweiht. / Wahre die Freiheit uns, für die wir glühn, / Höchstes Gut dem Volk, das sich einst selbst befreit.“

Ich habe an vieles gedacht, als ich an meinem Wohnort Zürich in eine Maschine von Turkish Airlines gestiegen bin, um nach Istanbul zu fliegen. Sie könnten mich als Journalisten gar nicht erst ins Land lassen; das Flugzeug könnte komplett leer sein; in Istanbul würde ich von Militär empfangen und in der Stadt von einer gespenstischen Leere.

Das Gegenteil war der Fall. Das Flugzeug: voll bis fast auf den letzten Platz. Die Flughafenkontrolle: zu beschäftigt, um allzu lange auf meinen Reisepass zu schauen. Und überhaupt: Am Flughafen Atatürk in Istanbul, dem größten Flugplatz des Landes, patrouillieren schon seit Jahren mehr Polizisten als in der Schweiz oder in Deutschland. Dieses Mal ist es nicht anders. Überall Security, aber nicht mehr als sonst.

Die Regierung geht seit dem Putschversuch mit mehr als 260 Toten mit harter Hand vor; im Alltag bemerkt man davon aber kaum etwas. Rund 50.000 Staatsbedienstete wurden bislang suspendiert, mehr als 8.500 Menschen festgenommen. Alleine das Bildungsministerium suspendierte am Dienstag 15.200 Mitarbeiter, gegen die Ermittlungen wegen mutmaßlicher Verbindungen zu Fethullah Gülen eingeleitet wurden. Der türkische Sender NTV berichtete, außerdem sei 21.000 Lehrern an privaten Bildungseinrichtungen die Lehrerlaubnis entzogen worden. Ebenfalls wegen angeblicher Gülen-Verbindungen entzog die Telekommunikationsbehörde RTÜK insgesamt 24 Radio- und Fernsehstationen die Sendelizenz. Gülen, das Oberhaupt einer islamischen Bewegung, wird von Erdogan immer wieder vorgeworfen, er würde einen Parallelstaat errichten. Auch beschuldigt der Staatschef Gülen, den aktuellen Putschversuch angezettelt zu haben.

Den Gefeuerten werden Verbindungen zu Gülen vorgeworfen, die aus einem Netzwerk von Schulen und Medien besteht. Der Sprecher von Präsident Erdogan, Ibrahim Kalin, sagte, eine „gülenistische Clique im Militär“ sei für den Putsch mit mehr als 200 Toten und rund 1.500 Verwundeten verantwortlich. Ankara erwarte, dass Washington Gülen aufgrund des Verdachtes und der Beweise ausliefern werde; seit den 1990ern lebt Gülen dort im Exil. Im Übrigen sei ein bloßer Verdacht für eine Überstellung ausreichend, erklärte Kalin.

US-Regierungssprecher Earnest sagte später, er habe den Fall Gülen bei einem Telefonat mit Obama zur Sprache gebracht. Doch würde eine Entscheidung über eine Auslieferung Gülens nicht persönlich von Obama, sondern entsprechend der in einem seit langem bestehenden amerikanisch-türkischen Vertrag festgelegten Regeln getroffen.

In Istanbul angekommen, nehme ich für gewöhnlich den Flughafenbus in die Stadt; zumindest, wenn ich abseits der Hauptverkehrszeiten ankomme. Wie jetzt gegen Mitternacht. Doch dieses Mal bekomme ich ein mulmiges Gefühl, als ich den Ausgang zusteuere, vor dem das Busterminal liegt. Genau hier haben vor drei Wochen drei Terroristen um sich geschossen und 41 Menschen getötet.

Jetzt sieht dieser Teil des Flughafens aus, als wäre nie etwas geschehen. Das Gebäude wirkt nicht beschädigt. Taxifahrer buhlen am Ausgang um Fahrgäste, der „Havatas“-Bus fährt gerade ein, als ich das Gebäude verlasse. Von Terror keine Spur. Dann bemerke ich doch etwas: Zwei Gendarmeristen, die mit Maschinenpistolen den Bussteig abgehen. Sie bemerken nicht einmal den Mann mit Spiegelreflexkamera und Duty-Free-Tüte, der sich halb verrenkt, um ein Foto von den beiden zu schießen. Kurz darauf steige ich in den Bus Richtung Taksimplatz. Die Stadt wirkt wie leergefegt. Das liegt aber weniger an den Ereignissen der vergangenen Tage. Sondern viel mehr daran, dass gerade Sommerferien sind. Jeder Istanbuler, der es sich leisten kann, verbringt diese Zeit nicht in der stickigen Großstadt, sondern an der Südküste.

Es dauert keine fünf Minuten, bis der Bus durch ein Hupkonzert fährt. Autos mit Türkeiflaggen auf der Motorhaube rasen an mir vorbei. Menschen feiern auf der Straße wie nach einem gewonnenen WM-Finale. Bis zur Endhaltestelle am Taksim-Platz fährt der Bus fünf Mal an solchen Autocorsos vorbei. Sie feiern den Sieg über den Putsch. Ob das alles Erdogan-Anhänger sind? „Nein, das sind Demokraten“, sagt mein Sitznachbar mit stolzer Stimme. Er sieht aus, als wäre es nicht der erste Umsturzversuch, den er miterlebt hat. Das Militär übernahm drei Mal die Macht, neben 1960 noch 1971 und 1980. Jeder Putsch endete blutig. Jedes Mal danach war das Land für eine gewisse Zeit isoliert und in Schockstarre.

Kommentare zu " Gescheiterter Putschversuch in der Türkei: Trügerischer Siegesrausch in Istanbul"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Die USA liefert bereits Gas über LNG Tanker nach Europa. Es koscht nur ein bisschen mehr, aber den Michel störts nicht. Mal schauen wenn die Russen den Preis senken.

    Das war schon lange geplant dass Russland ihr Gas nicht mehr nach Europa verkaufen soll (Southstream wurde erst nach US Intervention in Bulgarien gestoppt) und dafür USA ihr Gas liefert um Russland wirtschaftlich zu schaden. Das ganze Debakel in Syrien dreht sich auch um Gas aus Qatar dass über Syrien nach Europa verkauft werden soll.

    Putin wird nun die Pipeline über der Türkei bauen nachdem sich die Türkei von den USA abwendet. Die europäischen Länder die die Southstream abgelehnt haben ziehen den Kürzeren. Ebenfalls Deutschland wenn die Northstream nicht ausgebaut wird. Aber hey, so ist es nun mal wenn man Vasall der USA ist.

  • HBO

    merkt ihr den Knall eigentlich noch ????????????????????????

    Was lasst Ihr hier zu ???????????????

    Das ist Hetze erster Güte !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  • @Nav Nav
    Warum und Was soll ohne die USA nicht gehen. Wissen Sie eigentlich was Sie damit ausdrücken....?
    Wenn Sie immer nur noch sagen es geht OHNE DEN nicht OHNE DAS nicht und überhaupt geht es OHNE so oder so etwas nicht....

    Ich sage Ihnen eines....wer sagt, das geht OHNE DIESEN ODER JENEN nicht, der hat sein Selbstvertrauen, seine Selbstachtung und seine Idendität bereits in der Gardarobe zur Ambutationsstation abgegeben.

    Was haben die USA denn dagegen unternommen, dass der Terror NICHT zu uns nach Deutschland kommt. Was haben die USA zur Entspannung mit Russland denn beigetragen....die USA sind doch gerade der Verursacher für die Probleme die wir in Europa und Deutschland haben. Sei es bei der illegalen Einwanderung, bei der Finanz-Europolitik, bei der EU Wirtschaftspolitik (Russlandsanktionen), bei der politischen Eiszeit zwischen der EU und Russland....all dies ist doch erst von und mit den USA eingefädelt worden.
    Wenn, dann muss die Lösung und der Befreiungsschlag von den USA durch eine selbstbewusste Deutsche und EU Politik erfolgen. Solange dies nicht geschieht solange wird Europa und Deutschland weiter im Chaos von Gewalt, Terror und Krieg versinken.
    Danke!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%