Geschönte Wachstumsdaten Der Statistik-Schmu der Amerikaner

Mit ihrer starken Wirtschaft im Rücken haben die Amerikaner die wachstumsschwachen Europäer immer über die richtige Wirtschaftspolitik belehrt. Doch ein tiefer Blick in die amtlichen Statistiken zeigt, dass die Behörden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihre Wachstums- und Inflationsdaten schönen.
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Symbol für die Dynamik der USA: New York. Ein genauerer Blick auf die Statistiken zeigt, dass die US-Wirtschaft nicht so kräftig wächst wie oft angenommen. Quelle: Reuters

Symbol für die Dynamik der USA: New York. Ein genauerer Blick auf die Statistiken zeigt, dass die US-Wirtschaft nicht so kräftig wächst wie oft angenommen.

(Foto: Reuters)

FRANKFURT. Erfolg macht sexy, das gilt auch in der Wirtschaftspolitik. Seit den 90er-Jahren ist die Wirtschaft der USA fast ständig kräftiger gewachsen als die europäische. Kein Wunder, dass die Europäer dem Erfolgsmodell nacheiferten und die USA im Jahr 2000 als Vorbild für ihre Wirtschaftsstrategie wählten. Auch Europa wollte hohe Produktivitätssteigerungen, wie sie die USA mit Hilfe moderner Informationstechnologie schafften. Gelungen ist das bis heute nicht.

Vielleicht hätten die Europäer die Amerikaner einfach in einem anderen Punkt kopieren sollen: beim Frisieren der volkswirtschaftlichen Statistiken. Denn was sie beim Formulieren ihrer Reformpläne übersahen, ist, dass die USA über Jahrzehnte hinweg ihre Wachstums- und Produktivitätsdaten durch immer neue statistische Innovationen geschönt haben.

Der Wirtschaftsforscher Jochen Hartwig von der ETH Zürich weist darauf hin, dass die Öffnung der Produktivitätsschere zwischen den USA und Europa in den 90er-Jahren zeitlich mit einer Serie statistischer Neuerungen in den USA zusammenfällt. Diese haben die Europäer nur zum Teil und mit Verzögerung nachvollzogen. Der größte Teil des amerikanischen Produktivitätsvorsprungs in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre sei „ein statistisches Artefakt“, urteilt Hartwig. Würde man mit denselben Methoden messen wie vorher, wäre der Vorsprung der USA deutlich geringer.

Alle Änderungen drücken die Inflation und steigern die Produktion

Der kanadische Statistiker Erwin Diewert von der University of British Columbia, einer der international führenden Experten für Preis- und Produktionsmessung, bestätigt, dass die methodischen Änderungen der letzten zwei Jahrzehnte fast ausnahmslos die Inflation gedrückt und die gemessene Produktion erhöht haben. Dabei hatten die USA immer die Nase vorn. So buchten sie als Erste Militärausgaben sowie Software-Ausgaben als Investitionen und schoben damit ihr Bruttoinlandsprodukt an.

Europäische Statistiker beklagen, dass die USA einseitig Änderungen vornahmen, die dann von internationalen Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank übernommen wurden. Die statistischen Manipulationen wirkten sich auch auf die US-Geldpolitik aus. Ex-Notenbankchef Alan Greenspan berief sich für die Rechtfertigung seiner jahrelang sehr lockeren Geldpolitik auf das starke Produktivitätswachstum in den USA. Heute wird diese Geldpolitik, die sich als viel zu locker herausgestellt hat, für die große Finanzkrise mit verantwortlich gemacht.

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19 Kommentare zu "Geschönte Wachstumsdaten: Der Statistik-Schmu der Amerikaner"

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  • "...dass die USA über Jahrzehnte hinweg ihre Wachstums- und Produktivitätsdaten durch immer neue statistische innovationen geschönt haben."

    So eine Überraschung.

  • Die Erkenntnis der Statistiktricks reiht sich kulturell nahtlos an die ambitionierten Ratings für amerikanische immobilien-CDO´s ein. ich erinnere: Anfang des Jahres wurde von der bank für internationalen Zahlungsausgleich für verschiedene Länder eine Langfristprognose für die staatlichen Zinsausgaben im Verhältnis zum biP veröffentlicht (sehr lesenswert). Für manche der dort dargestellten Länder mit desaströsen Werten kam es kurz darauf zu einer deutlichen Erhöhung der Staatsanleihen-Spreads. Falls die Studie angesichts dieser Statistik-Erkenntnisse aktualisierungsbedürftig ist, kann man das sicherlich auch für die USA erwarten. Das AAA-Rating dürfte kaum gefährdet sein. Niemand stuft seinen eigenen Regulierer herab. Es sei denn direkt auf D.

  • in Deutschland wurde genau so getrickst als es darum ging, den bürgern den Euro als Nicht-Teuro zu verkaufen. Jeder hat im Laden und im Restaurant die eklatanten Preissprünge beobachtet, doch die Politiker blieben, unterstützt von den weisungsgebundenen Statistikern bei ihrem Standpunkt, dass nicht sein kann was nicht sein soll. (Haben auch Sie gerade Honig für 4,50 Euro gekauft. Vor 10 Jahren wäre der mit Sicherheit für umgerechnet ca. 9 DM schlicht unverkäuflich gewesen. Aktueller Girosteller beim Griechen: 16 EUro statt 11 DM vor 10 Jahren!

  • Vor einigen jahren, so war zu lesen, hat Griechenland zum Zwecke der "Aufbesserung" seines biP die Leistungen der Prostituierten mit in die Statistik übernommen. Plötzlich war die Staatsver schuldung in % vom biP schon nicht mehr ganz so tragisch. Und wenn man bedenkt, wie das Ölunglück in der Karibik das biP erst in die Höhe schnellen lässt! Welche Freude für die Statistiker!

  • Diese Gerüchte kenn' ich schon seit mindestens 10 Jahren oder mehr : Damals waren diese meldungen von einem Professor der Uni St. Gallen gekommen !
    Mich wundert nur, warum diese (altbekannten) meldungen JETZT ERST publiziert werden ??
    Wenn man sich erinnert, WiE OFT die (getürkten) US-DATEN von interessierten Polit-Kreisen zur Argumentation im inland verwendet wurden, ... tja, dann hat mna vielleicht die Erklärung dafür, ...oder ?? .. passten halt gut ins biLD, wa`?!

  • @jugen. ich sehe es ganz genauso, was jetzt läuft, ist, daß sich die investmentbanker noch einmal die taschen schamlos vollmachen, bevor die depression anbricht. Die aktionäre und sonstigen Reichen wollen sich auch nicht lumpen lassen und nochmal ordentlich kohle abgreifen. Die zentralbank schiebt denen das geld zum Spekulieren zum Nullzins herüber, während hausbesitzer reihenweise zwangsversteigert werden. Was soll man diesen amis überhaupt noch glauben ? Da ist doch fast alles gelogen und gefälscht.

  • Das Ganze erinnert mich an das Märchen "des Kaisers neue Kleider".
    Die USA sind schon sehr lange bankrott und alle Experten mit etwas Verstand wissen das auch (auch Sie vom Handelsblatt). Nur die Machtstellung Amerikas, der Wallstreet und die Gewissheit, dass alles weltweit zusammenbricht wenn sie die Katze aus dem Sack lassen verhindert die nötigen Konsequenzen. Das was jetzt noch passiert ist purer betrug und zieht den Rest der Welt mit in den Abgrund. Die börsen- und bankgeschäfte haben sich längst von der realen Wirtschaft verabschiedet. Alles nur noch eine Farce die dazu dient den Drahtziehern noch mal die Taschen voll zu machen bis sie das Kartenhaus fallen lassen. Unterdessen hat die Regierung mit Terror- und Notstandsgesetzen der Homeland Security einen Polizeistaat aufgebaut, den sie wohl auch brauchen werden wenn ihre bürger vor die vollendeten Tatsachen gestellt werden.
    Das gilt allerdings nicht nur für die Staaten und erklärt auch warum Herr Schäuble so scharf darauf ist die bundeswehr im innern einsetzen zu dürfen.
    Mit Demokratie hat das nun gar nichts mehr zu tun was da abgeht.

    bin mal gespannt wann die ersten mit genug Einfluss rufen werden: "Der Kaiser ist ja nackt"!

    Der Markt regelt sich selbst? Na herzlichen Glückwunsch.

  • Alle Statistiken sind auf ihre Weise recht individuell. Es gibt keine staatlichen Übereinkommen über einheitliche Anwendungen und Definitionen. Also wird weltweit daran gedreht - auch in Deutschland. Churchill`s: "ich glaube nur Statistiken, welche ich selbst gefälscht habe" verwies bereits auf den allgemeinen Usus, mit Angaben aus eigenem Hause flexibel zu sein. Aus diesem Grunde wird es immer wieder zu Überraschungen kommen, die zuvor ausgeschlossen wurden. China etwa ist auch so ein Fall.

  • Dann müssten doch eigentlich die Schalgzeilen etwa so ausfallen: ..verzeichen ein Wachstum um 3,5% wobei 2% auf fragwürdige Manipulationen zurückzuführen sind. (nä nä nänä nä - wir sind doch besser als ihr!)

  • Tja, jetzt fehlt eigentlich nur noch die Abwertung durch die Ratingagenturen. Was für Griechenland und co gilt, sollte mal ganz fix für die USA nachgeholt werden.... just my two cents....

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