Gespaltenes Estland
Aljoscha und die Last der Geschichte

Russland gilt nicht unbedingt als der diplomatisch einfachste Nachbar, den ein Staat haben kann. Im akutellen Streit um ein Kriegerdenkmal in Estland scheinen die Fronten mittlerweile verhärtet. Gleichzeitig spiegelt der Konflikt ein gesellschaftliches Problem wider. Die Anspannung vor den traditionellen Feierlichkeiten der Russen zum Sieg über Nazi-Deutschland ist nahezu greifbar.

TALINN. Es ist bitterkalt dieser Tage in Tallinn. Den dicken Wollschal zweimal um den Hals gewickelt, legt die zierliche Frau zusammen mit ihrer Tochter eine rote Nelke an einen Laternenmast in der Nähe eines großen, weißen Zelts. Weiter geht Tatjana nicht, denn ihr eigentliches Ziel, „Aljoscha“, ist nicht mehr da.

„Aljoscha“ nennen die rund 360 000 Russen, die in Estland leben, den Bronzesoldaten, der an den Sieg der Roten Armee über Nazi-Deutschland erinnert. Wo bis Ende April das Mahnmal stand, schützt jetzt ein umzäuntes Zelt vor neugierigen Blicken. Spezialisten versuchen dort, die sterblichen Überreste von zwölf gefallenen Soldaten zu identifizieren, die unter „Aljoscha“ begraben waren.

„Meine Großmutter ist im Krieg umgekommen“, sagt Tatjana, den Tränen nahe. „Für sie lege ich die Blumen hin.“ Eine ältere Frau, eine Estin, hat die Szene beobachtet und wird zunehmend nervöser, empörter. Plötzlich verliert sie ihre Fassung. Aufgeregt geht sie auf Tatjana zu. „Was erzählst du da? Meine Familie ist von euch nach Sibirien geschickt worden.“ Auch sie kämpft mit den Tränen, wendet sich schnell ab und verschwindet in der Menschenmenge, die sich am ehemaligen Standort von „Aljoscha“, einem kleinen Hügel in der Innenstadt, versammelt hat.

Die unscheinbare Erhebung direkt gegenüber der Bibliothek ist in den vergangenen Tagen zum Schauplatz der Weltpolitik geworden und könnte morgen, wenn Russland – wie jedes Jahr am 9. Mai – den Sieg über Nazi-Deutschland feiert, erneut in den Blickpunkt rücken.

Hier stand seit 1947 das Kriegerdenkmal – eine etwa zwei Meter hohe Statue eines Rotarmisten, der Gesichtsausdruck nicht triumphierend, eher nachdenklich. Ein Mahnmal gegen den Faschismus. Für die große Mehrheit der Esten steht der Bronzesoldat jedoch für etwas anderes: für die ein halbes Jahrhundert währende Besatzung durch die Sowjetunion.

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