Gespannte Ruhe
Tibet-Konflikt: Die scharlachrote Angst

Demonstrierende Mönche, blutige Unruhen – so fing es vor einem Jahr an. Seither schwelt es in Tibet. Und heute jährt sich der erste Aufstand dort zum fünfzigsten Mal. Chinas Regierung hat viel Militär und Polizei in die Bergregionen im Westen des Landes geschickt. Die Behörden sind nervös. Denn der Konflikt mit den Tibetern droht neu aufzubrechen. Ein Report.

KANGDING. Die Luft ist klar und dünn, jeder Schritt fällt schwer auf fast 3 700 Meter Höhe, dort, wo die Regierung die nächste Bedrohung wittert. Der Taxifahrer hatte sich geweigert, die staubige Straße hinaufzufahren. „Ich lasse euch an der Hauptstraße raus, den Rest müsst ihr laufen.“ Was wie eine für einen Touristenort erstaunliche Unfreundlichkeit anmutete, stellte sich schnell als Angst heraus.

Schon an der Abzweigung von der Hauptstraße wartet ein weißer Polizei-Jeep mit abgedunkelten Fenstern. Zwei dunkel gekleidete Männer folgen dem Besuch, der zum Nanwu-Kloster hinaufwill. Westliche Besucher sehen die Sicherheitsbehörden hier nicht gerne. Erst recht in diesen Tagen.

Das Kloster von Kangding mit seinem buddhistischen Tempel liegt in einer der schönsten Regionen Chinas, im Westen der chinesischen Provinz Sichuan gelegen, umgeben von 6 000 und 7 000 Meter hohen, schneebedeckten Bergen: ein Ort des himmlischen Friedens, eigentlich. Ein religiöser Ort, an dem schon vor 1 100 Jahren meditiert wurde. Die Region gehörte früher zu Groß-Tibet, hier wohnen überwiegend Tibeter.

Das ist einer der Gründe, warum die Regierung nervös ist, warum sie Polizei und Militärs nach Kangding – mit rund 100 000 Einwohnern eine Kleinstadt – geschickt hat.

„Der Dalai Lama ist das Kostbarste, was wir in unserem Herzen tragen“

Denn als vor einem Jahr in Lhasa die schweren Unruhen ausbrachen, gab es auch in West-Sichuan Proteste. Seither schwelt der Tibet-Konflikt, der Jahrestag der Ausschreitungen steht an, und die Behörden fürchten, dass sich alles wiederholt.

Es gibt Anzeichen dafür, dass die Sorge begründet ist. In Aba, etwas nördlich von Kangding, hat sich Ende Februar ein Mönch angezündet. Zuvor war es in der Stadt Litang zu Demonstrationen für den in Peking so verhassten Dalai Lama gekommen.

Für Chinas kommunistische Führung ist der Tibet-Konflikt nicht allein ein Streit über den Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, und um das ferne Lhasa. Es geht auch um West-Sichuan und die tibetischen Gebiete der angrenzenden Provinzen Gansu und Qinghai. Es geht um eine Gegend, in der weit mehr Tibeter leben als in der autonomen Region Tibet. Und in den Bergen von West-Sichuan etwa ist der Einfluss des Dalai Lama noch immer groß.

Viele Menschen haben ein Foto von ihm im Schrank versteckt oder aber im Handy gespeichert, obwohl es in China streng verboten ist, Bilder und Schriften von ihm zu besitzen. „Der Dalai Lama ist das Kostbarste, was wir in unserem Herzen tragen“, sagt ein junger Mann hinter verschlossenen Türen irgendwo in den Bergen von Sichuan. Für die Tibeter sei und bleibe er der wahre Führer. „Ich wünsche mir, dass er eines Tages zurückkehren kann.“ So denken viele, dennoch wandelt sich etwas. Vor allem Jugendliche haben in Zeiten der Wirtschaftskrise eher Interesse an einem Job als an Religion. „Die junge Generation ist sicherlich weniger religiös als die ihrer Eltern“, sagt ein tibetischer Offizieller. Und ein 16-Jähriger sagt in einem Tempel, er komme, um für mehr Glück und eine bessere Zukunft zu beten. Der religiöse Einfluss mag abgenommen haben, dafür sind neue Konflikte entstanden.

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