Gesprächsbereitschaft
Schweden sucht Bündnis für Arbeit

Es könnte ein historischer Schritt werden: Schwedens Arbeitgeberverband und die mächtigen Gewerkschaften wollen sich an einen Tisch setzen und über ein Bündnis für Arbeit diskutieren. Doch während die schwedische Wirtschaft auf eine Flexibilisierung des Arbeitsrechts hofft, will die bürgerliche Regierung an Kündigungsschutz und Streikrecht festhalten.

STOCKHOLM. Wie 1938, als sich beide Tarifpartner unter der Drohung der damaligen Regierung, in die Tarifautonomie einzugreifen, auf das Abkommen von Saltsjöbaden einigten, geschieht die vorsichtige Annäherung auch jetzt nicht völlig ohne äußeren Druck.

Die bürgerliche schwedische Regierung – gerade einmal ein Jahr im Amt – hat nicht die von der schwedischen Wirtschaft erhoffte Flexibilisierung des starren Arbeitsrechts oben auf ihre Agenda gesetzt. Das heißt, eine Lockerung des Kündigungsschutzes und eine Begrenzung des Streikrechts ist nicht in Sicht. Andererseits spüren die Gewerkschaften, dass immer mehr bürgerliche Politiker der Vier-Parteien-Koalition von der offiziellen Regierungslinie abweichen und offen für eine Veränderung der knapp siebzig Jahre alten Regeln eintreten. Selbst Schwedens Wirtschaftsministerin Maud Olofsson hat auf dem Parteitag ihrer Zentrumspartei Klartext geredet: „Es gibt zwei Möglichkeiten – freiwillige Übereinkünfte, oder der Gesetzgeber schreitet ein“, sagte sie vor den Wahlen im vergangenen Herbst.

Damit ist den Tarifpartnern klar, wohin die Reise über kurz oder lang geht. Vor diesem Hintergrund ist die Gesprächsbereitschaft zu sehen. Denn wie schon vor siebzig Jahren sind sich beide Kontrahenten in einem einig: Ein staatliches Eingreifen muss verhindert werden.

Das Abkommen, dass am 20. Dezember 1938 im noblen Stockholmer Badeort Saltsjöbaden zwischen den Tarifpartner abgeschlossen wurde, sicherte über mehrere Jahrzehnte eine verantwortungsvolle Tarifpolitik mit wenigen Streiks. Doch das Kooperationsmodell hat sich überlebt. Seit der Wirtschaftskrise Mitte der 90er-Jahre haben sich die Fronten verhärtet, Schweden kämpft bis heute mit einer für das Land zu hohen Arbeitslosigkeit. Laut Eurostat waren 2006 gut sieben Prozent arbeitslos gemeldet, doch tatsächlich liegt der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter, die keine regelmäßige Beschäftigung haben, bei 25 Prozent. Kaschiert wird das durch umfassende Arbeitsbeschaffungsprogramme.

Anerkennung und Neid erfährt Nachbar Dänemark. Dort gibt es im Prinzip keinen Kündigungsschutz, gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit auf rekordverdächtig niedrige 3,8 Prozent gesunken. Dänemark steht deshalb auch unausgesprochen Modell für den schwedischen Arbeitgeberverband. Beim mächtigen Gewerkschaftsbund LO und der Angestelltengewerkschaft PTK will man davon nichts wissen. „Wir können uns das Hauptabkommen anschauen, aber am Streikrecht darf nichts verändert werden“, sagt LO-Vorsitzende Wanja Lundby-Wedin. Das aber möchte der Arbeitgeberverband, der ausgerechnet hat, dass allein in diesem Frühjahr etwa 15 Streiks in verschiedenen Branchen stattgefunden haben.

Seite 1:

Schweden sucht Bündnis für Arbeit

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%