Gestürzter Parteichef Zhao Ziyang
Geheime Memoiren von Chinas Ex-Parteichef enthüllt

Kurz vor dem 20. Jahrestag des Massakers von Tian'anmen hat ein Mitarbeiter des damals gestürzten reformerischen Parteichefs Zhao Ziyang dessen geheime Memoiren enthüllt. Die Memoiren sind in vielerlei Hinsicht aufschlussreich. Unter anderem lobt der Ex-Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas darin die westlichen parlamentarischen Demokratien, Pressefreiheit und eine unabhängige Justiz.

HB PEKING. Der frühere Spitzenfunktionär Bao Tong berichtete der Deutschen Presse-Agentur dpa am Donnerstag in Peking, drei frühere Minister hätten ihm 30 Tonbänder anvertraut, die der Ex-Parteichef in den letzten fünf Jahren vor seinem Tod 2005 aufgenommen habe. "Als ich das Material bekam, habe ich sofort entschieden, es zu veröffentlichen." Der Parteichef war wegen seiner Weigerung, die Demokratiebewegung durch das Militär niederschlagen zu lassen, gestürzt worden. Er hatte den Rest seines Lebens unter Hausarrest verbracht.

Zhao Ziyang habe seine Memoiren aufgezeichnet, um den Menschen "die wahre Natur der Kommunistischen Partei zu zeigen", sagte Bao Tong. In dem Buch lobt der einstige Parteichef das westliche parlamentarische System mit mehreren Parteien, setzt sich für Pressefreiheit und ein unabhängiges Justizwesen ein. "Er wusste, dass marktwirtschaftliche Reformen ohne politische Reformen zwangsläufig zu Korruption führen." Er sei auch sehr selbstkritisch. Das Buch von Zhao Ziyang erscheint noch vor dem Jahrestag des Massakers am 4. Juni 1989 auf Englisch im amerikanischen Verlagshaus Simon and Schuster (Prisoner of the State: The secret Journal of Zhao Ziyang).

Bao Tong, der einst als Sekretär beim mächtigen ständigen Ausschuss des Politbüros praktisch Ministerrang besaß, hatte nach dem Sturz von Zhao Ziyang selbst sieben Jahre im Gefängnis gesessen. Er steht noch heute unter ständiger Bewachung der Staatssicherheit. Nach seinen Worten hat die Familie Zhao Ziyangs mit der Veröffentlichung nichts zu tun. Vielmehr seien die drei Ex-Minister, die mit Zhao Ziyang sympathisiert hätten, mit den 30 Bändern zu ihm gekommen. "Die Entscheidung, die Aufzeichnungen zu veröffentlichen, trage ich allein." Er verbürgte sich auch für die Echtheit. Er habe die Stimme auf den Bändern eindeutig identifiziert. Auch gebe es niemanden, der so spreche und argumentiere wie Zhao Ziyang, sagte Bao Tong.

Bei der Übersetzung und Veröffentlichung half ihm sein in den USA lebender Sohn Bao Pu. "Ein chinesisches Buch wäre verboten worden und die harte Arbeit von Zhao Ziyang vergeudet gewesen." Die heutigen kommunistischen Führer dürften die Existenz der Memoiren offiziell ignorieren, meinte Bao Tong. "Aber sie werden sie lesen." Er hofft, dass sie das Buch studieren und über den Inhalt nachdenken. Die Argumentation des damals eilig eingesetzten neuen Parteichefs Jiang Zemin, dass sich China heute ohne die damals ergriffenen "entschiedenen Maßnahmen" nicht solchen Wohlstands erfreuen könnte, nannte Bao Tong "Quatsch". China wäre heute vielmehr weiter entwickelt und weniger korrupt.

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