Gesundheitsreform
USA: Sturmlauf gegen den „Sozialismus“

Mit seinen Plänen für eine Gesundheitsreform hat US-Präsident Barack Obama heftige Proteste ausgelöst. Landesweit demonstrieren Reformgegner mit aller Heftigkeit, vergleichen Obama mit Hitler – und sehen Amerika auf dem direkten Weg in den Sozialismus.

TOWSON. Was Ben Cardin an diesem Abend erlebt, ist nicht weniger als 90 Minuten Spießrutenlauf. „Wir brauchen keine Reform, wir haben doch das beste Gesundheitswesen der Welt“, brüllt ihm ein Gegner von Barack Obamas Reformplänen entgegen. „Ihr habt völlig vergessen, was die Gründer der USA wollten: weniger Staat!“ Die 500 Zuhörer toben, klatschen und geben Standing Ovations. Die Antwort des Senators aus Maryland geht im Getümmel unter. Immerhin: Noch ein paar Minuten, und die Zeit ist um. Dann endlich kann Cardin diesen unwirtlichen Platz verlassen.

Vor vielen Wochen schon hatte der Demokrat das Townhall-Meeting in Towson, einem Vorort von Baltimore, angesetzt. Es ist ein übliches Verfahren in der Sommerpause: Kongressabgeordnete und Senatoren gehen in ihre Wahlkreise und suchen das Gespräch mit den Bürgern. Wenn die Versammlungen halbvoll sind, dann gilt die Veranstaltung als Erfolg. Doch in diesem Sommer ist alles anders. Die Debatte über die Gesundheitsreform hat die Gemüter so erhitzt, dass sich aller Ärger und tonnenweise Polemik bei den Bürgergesprächen entladen. Dann wird selbst ein im Grunde so harmloser Kerl wie der 65-jährige Cardin zur Zielscheibe.

Der Widerstand der Reformgegner ist an diesem Abend auch in Baltimore bestens organisiert. Stunden bevor das Treffen beginnt, stehen Hunderte von ihnen an den Straßen rund um die Konzerthalle auf dem Campus der Towson-Universität und schleudern jedem, der ankommt, ihren Protest entgegen. Trotz der mörderischen Hitze von knapp 40 Grad und obwohl schon längst kein Platz mehr in der Halle ist. „Sozialismus ist nicht die Antwort“, „Obama, du bist ein Lügner“, Fotos, auf denen der Präsident ein Hitlerbärtchen trägt oder in der Fratze des Jokers aus den „Dark Knight“-Filmen erscheint. Die Gruppe der Reformbefürworter auf der anderen Straßenseite nimmt sich dagegen kümmerlich aus.

Das Büro von Ben Cardin muss bereits geahnt haben, was da auf ihren Senator zukommen würde. In E-Mails hatten demokratische Lobbyisten Unterstützer aufgerufen, das Townhall-Meeting nicht zu einem Plebiszit gegen die Reform werden zu lassen. „Wir müssen sicherstellen, dass genügend Freiwillige kommen“, hieß es in einer Rundmail. Ansonsten drohe wohl auch dieser Veranstaltung die „Sabotage“. „Wir brauchen von euch eine sichtbare Präsenz“, heißt es nicht ohne Dramatik.

Doch der Appell verhallt. Die Reformgegner stehen als Erste in der Schlange vor dem Einlass. Als die beiden Saalmikrofone für Fragen an den Senator freigegeben werden, drängen sich sofort Dutzende nach vorn. Immer wieder muss der Vizepräsident der Uni, Gary Rubin, eingreifen und um Ruhe bitten. Bis die erste Unterstützerin der Gesundheitsreform zum Zug kommt, vergehen 50 Minuten. Da ist die Veranstaltung schon so gut wie vorbei.

Seite 1:

USA: Sturmlauf gegen den „Sozialismus“

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%