Gesundheitssystem vor dem Kollaps
Der englische Patient

Das britische Gesundheitssystem NHS wird 60 Jahre alt. Doch seine sozialistische Grundidee lässt es nicht nur uralt aussehen. Der NHS ist auch chronisch ineffizient und unflexibel.



LONDON. Aneira Thomas' Mutter lag schon 18 Stunden in den Wehen, aber im Kreissaal des Amman-Valley-Krankenhauses in Wales rieten ihr alle, noch zu warten. Eine Geburt kostete einen Shilling und sechs Pence, eine Menge Geld für Aneiras Vater, einen Bergarbeiter. Die Mutter tat ihr Bestes, und das Mädchen wurde tatsächlich eine Minute nach Mitternacht am 5. Juli 1948 geboren. Kostenlos. Denn es war das erste Baby des neuen, staatlichen britischen Gesundheitsdiensts NHS (National Health Service). "Ihr nationaler Gesundheitsdienst beginnt am 5. Juli", hatte in einer Wurfsendung an alle Haushalte gestanden. "Jeder, ob reich oder arm, Mann, Frau oder Kind, gehört dazu. Es kostet nichts. Niemand muss eine Versicherung abschließen. Aber es ist keine Wohltätigkeit. Wir alle bezahlen dafür, als Steuerzahler."

Aneira, aus Freude nach dem Begründer des NHS, dem früheren Labour-Gesundheitsminister Aneurin Bevan benannt, ist heute eine rüstige blonde Jungrentnerin und sieht zuversichtlich in die Zukunft. "Der NHS hat mir zweimal das Leben gerettet. Ich weiß, viele Probleme müssen angepackt werden. Aber insgesamt können wir für den NHS sehr, sehr dankbar sein", sagt sie, als sie mit einem Schwarm von Politikern ihre Geburtsstätte besucht.

Aber ist der NHS auch wirklich so rüstig wie Aneira Thomas? Die Briten sind sich da nicht so sicher. Viele sind eher der Meinung: Das britische Gesundheitssystem, das in wenigen Tagen 60 Jahre alt wird, ist schwer, vielleicht sogar unheilbar erkrankt. Eine Anamnese.

Christoph Lees hat Bereitschaftsdienst. In voller Chirurgenmontur sitzt er auf einem schäbigen Plastikstuhl in einem fensterlosen Untersuchungsraum, weit entfernt von den Londoner Geburtstagsfeierlichkeiten für den NHS. Lees gilt als einer der führenden NHS-Kritiker in der britischen Ärzteschaft. Er erklärt, warum eine Reform des Systems das schwierigste Projekt der britischen Politik überhaupt ist: "Die Briten haben eine seltsame Liebe zum NHS, sogar dann, wenn sie in einem schrecklichen Flur eines Krankenhauses feststecken", sagt Lees. "Der NHS ist Großbritanniens Religion."

Wie zum Beweis wurde der Geburtstag des NHS gestern vorzeitig mit einem Gottesdienst in der Westminster Abbey gefeiert. Prinz Charles und Premier Brown sangen Dankeschoräle. "Der NHS ist das schönste Geschenk, das die Briten sich selbst gemacht haben", sagen Labourpolitiker, die sich gerne als die Hohepriester der Nationalreligion hinstellen. Nicht einmal die Erzreformerin Margaret Thatcher wagte es, die heilige Kuh anzutasten. "Der NHS ist sicher in unser Hand", musste sie versprechen, und der jetzige Chef der Konservativen, David Cameron, hat es wortwörtlich wiederholt.

Alle lieben den NHS - aber kaum jemand ist zufrieden damit. Mehr als zwei Drittel der Briten haben Angst, sich bei einem Krankenhausbesuch eine Infektion zu holen oder in einem geschlechtsgemischten Krankensaal zu landen. "Ein Horror. Haben Sie das mal mitgemacht?" schimpfte Ex-Patientin Margaret diese Woche bei einer BBC-Debatte. 68 Prozent der Briten würden, wenn sie es sich leisten könnten, eine Privatversicherung abschließen. Immer wieder wird der Glaube an den NHS durch Schreckensberichte gestört. Vor ein paar Jahren waren es Menschen, die monatelang auf lebensrettende Operationen warten mussten oder vergessen in Krankenhauskorridoren starben. Heute sind es Berichte über Krankenhäuser wie Maidstone, wo mindestens 80 Menschen an dem Bakterium Clostridium difficile starben. "Was würde mit einer Supermarktkette passieren, an deren Wurststand Menschen vergiftet werden?" fragte Frau Thatchers offizieller Biograf, Charles Moore.

Nach dem offiziellen Untersuchungsbericht wurden Patienten nicht gefüttert, Notrufe ignoriert, Medikamente nicht verabreicht, Krankenblätter nicht ausgefüllt. Von "mangelnder hygienischer Praxis und einer allgemeinen Missachtung von Privatheit und Würde" war die Rede. Ein Schaudern ging durchs Land, als Zeitungsschlagzeilen beschrieben, was Patienten gesagt wurde, die aufs Klo mussten: "Mach einfach ins Bett!"

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