Gesundheitswesen
Schwedens Ärzten droht Preiskampf

Mediziner aus den EU-Nachbarländern bieten ihre Dienste gegen niedrigeres Honorar an.

STOCKHOLM. Ein knappes Jahr vor den Wahlen ist das Gesundheitswesen im Wohlfahrtsstaat Schweden mächtig unter Druck geraten: Die Freizügigkeit auf dem EU-Arbeitsmarkt hat dem Land nicht nur billige Konkurrenz auf dem Bau beschert. Jetzt werben auch Mediziner aus Polen und ein Krankenhaus aus Thailand um Patienten in Schweden.

Mitte November eröffnete in Stockholm mit City Dental Schwedens erste Zahnklinik mit polnischen Ärzten. Wurzelbehandlungen und Implantate zum halben Preis, verspricht Klinik-Gründer Mattias Santesson. Modernstes Gerät ist Standard in Schweden. Das gilt auch für City Dental. Doch damit sind die Gemeinsamkeiten mit anderen Zahnkliniken vorbei. Denn Santesson bietet Service fast rund um die Uhr: Fünf Tage die Woche von acht bis acht, am Wochenende von neun bis vier – alles zum halben Preis. Das ist möglich, weil er neben einer effektiven Geräteausnutzung zwölf polnische Zahnärzte beschäftigt und somit den freien Arbeitsmarkt innerhalb der EU ausnutzt.

Der 36-jährige Unternehmer hat die Mediziner nicht selbst angestellt, sondern einen Vertrag mit einem polnischen Arbeitsvermittler geschlossen. Über Geld spricht man nicht, und auch Santesson räumt nur ein, dass seine Ärzte „weniger als ihre schwedischen Kollegen, aber deutlich mehr als in ihrer Heimat“ verdienen. Schwedische Zahnärzte laufen Sturm gegen die neue Klinik, auch Gewerkschaften haben protestiert.

Doch die Patienten sehen das anders. Selten war ein Zahnarztbesuch so beliebt: Allein seit der Eröffnung vor gut einer Woche haben 1 500 Patienten einen Termin bei City Dental gebucht. „Es tut uns leid, aber unsere Telefonleitungen sind überlastet“, entschuldigt sich Santesson bereits auf der Homepage des Unternehmens und bittet um Terminabsprachen per E-Mail.

Der Grund für den Andrang ist einleuchtend: In Schweden deckt das ausschließlich steuerfinanzierte Gesundheitssystem die Kosten für Zahnbehandlungen nur bei Kindern und Rentnern ab. Alle anderen müssen im schlimmsten Fall bis zu einem Monatsgehalt für ein Implantat berappen. Und selbst eine Plombe reißt ein schmerzhaftes Loch in die Haushaltskasse.

Politiker versprechen seit Jahren mehr Mittel für das Gesundheitswesen und eine Reform der zahnärztlichen Versorgung, doch passiert ist bislang wenig: Überfüllte Krankenhäuser, in denen die Patienten in den Korridoren liegen und Wartezeiten von mehreren Monaten oder Jahren für Operationen sind ein dauerndes Streitthema in der Öffentlichkeit. Der chronische Geldmangel trotz einer Steuerbelastung von rund 50 Prozent ist für viele Schweden nicht mehr nachvollziehbar, zumal sie selbst bei Arztbesuchen mit einer Patientengebühr ordentlich zur Kasse gebeten werden.

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Die sozialdemokratische Gesundheitsministerin Ylva Johansson beklagte sich jetzt, dass immer mehr ihrer Landsleute wegen der hohen Kosten darauf verzichten, sich regelmäßig beim Zahnarzt untersuchen zu lassen. Sie lobte überraschend die Initiative von City-Dental-Gründer Santesson - überraschend deshalb, weil ihre sozialdemokratische Regierung eine vorsichtig eingeleitete Privatisierung einiger Krankenhäuser per Gesetz wieder gestoppt hat. Doch da Zahnbehandlungen nicht von der Krankenversicherung abgedeckt sind, begrüßt die Ministerin die private Zahnklinik in der Hoffnung, dass mehr Wettbewerb zu niedrigeren Preisen führt.

Der Vorstoß von Santesson ist nicht der einzige Angriff auf das Gesundheitssystem: Seit vergangener Woche hat das Bangkok Phuket Krankenhaus im thailändischen Phuket in Zusammenarbeit mit der schwedischen Firma Relax-U eine Aufnahme in Stockholm eröffnet. Der Patient kann selbst einen passenden Termin wählen und das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden: Operation und Urlaub im beliebten Thailand zu einem Preis, der deutlich unter dem schwedischen Niveau liegt.

Offenbar hat der schwedische Staat in dem neuen Krankheitstourismus selbst eine Chance zur Kostenreduzierung gesehen: Vergangene Woche wurde bekannt, dass die Stadt Stockholm eine Drogenbehandlungsklinik im lettischen Riga bauen will. „Wir können vermutlich die Kosten für einen Behandlungsplatz halbieren“, schätzt Justus Bergsten von der Stockholmer Sozialbehörde.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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