Gesundheitszustand leicht verbessert
Ärzte wollen Scharon am Montag aus dem Koma holen

Nach einer leichten Verbesserung seines Zustandes soll Israels Ministerpräsident Ariel Scharon am Montag aus dem künstlichen Koma aufgeweckt werden. Dann könne auch festgestellt werden, ob und welche Schäden das Gehirn des 77-Jährigen durch den schweren Schlaganfall erlitten habe, teilte der Direktor der Jerusalemer Hadassah-Klinik, Schlomo Mor-Josef, am Sonntag mit.

HB JERUSALEM. Die Experten betonten allerdings, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass Scharon nicht wieder auf die politische Bühne zurückkehren wird. Änderungen in der Regierung des Nahoststaats deuteten sich vier Tage nach dem Schlaganfall Scharons nicht an. Ehud Olmert, der als Vize-Ministerpräsident kommissarisch die Regierungsgeschäfte führt, will Finanzminister bleiben. Landesweit dominierte die Frage um Scharons Genesung die Medien. Vielen Menschen gilt er nach dem Staatsgründer David Ben-Gurion als bedeutendster Politiker des Landes.

Die jüngste Untersuchung des Gehirns von Scharon zeige eine stetige Verbesserung, sagte Mor-Josef. Die Lage bleibe aber nach wie vor ernst. Mit dem Aufwecken aus dem Koma könne nur unter der Bedingung begonnen werden, dass nichts Unvorhergesehenes passiere. Scharon war seit seiner Einlieferung in die Klinik am Mittwoch mehrmals operiert worden, um Hirnblutungen zu stoppen.

Der Neurochirurg Jose Cohen hatte am Samstagabend erklärt, Scharon habe „sehr hohe“ Überlebenschancen. In einem Fernsehinterview wies er allerdings auf die zu erwartenden Folgen des Schlaganfalls hin: „Wer nach so einem schweren Vorfall wie diesem behauptet, es blieben keine kognitiven Probleme zurück, der verkennt die Realität.“ Die Ärzte seien aber beeindruckt, wie stark Scharon sei. „Er ist einfach ein echter Kämpfer, das ist seine Natur.“

Olmert kündigte derweil an, die Regierungsgeschäfte im Sinne des Schwerkranken weiter zu führen und insbesondere für wirtschaftliche Stabilität im Land zu sorgen. Demonstrativ blieb der Stuhl Scharons bei der Kabinettssitzung am Sonntag leer. Olmert betonte: „Ich bete mit allen Menschen in Israel dafür, dass meine Zeit als amtierender Regierungschef nur kurz sein wird.“ Der Scharon-Vertraute hatte im vergangenen Jahr das Amt des Finanzministers übernommen.

Im ganzen Land verfolgten die Menschen am Wochenende mit großer Anteilnahme die neuesten Nachrichten von Scharon. Zum Sabbat am Samstag widmeten viele Gläubige ihre Gebete dem Regierungschef. „Er ist der Übervater unserer Nation“, sagte ein 47-jähriger Mann an der Jerusalemer Klagemauer - der heiligsten Stätte der Juden. Auch bei den Jugendlichen in den Strandcafes in Tel Aviv gab es kein anderes Thema. In den Radiosendern wurden die Nationalhymne und viele Balladen gespielt. Kurz vor einem Fußballspiel gab es die Lautsprecherdurchsage: „Wir spielen heute zwar Fußball, aber unsere Augen sind auf das Krankenhaus gerichtet.“ Die Fans im Stadium applaudierten.

Der Rückschlag trifft die Israelis inmitten einer politisch schwierigen Zeit - für Ende März sind vorgezogene Wahlen angesetzt. Scharon wollte mit seiner neu gegründeten Partei Kadima antreten, um sich zum dritten Mal als Ministerpräsident wählen zu lassen. Umfragen zufolge hätte er die Abstimmung auch wohl gewinnen können, nun ist der Ausgang Beobachtern zufolge wieder offen. Scharon war erst kürzlich aus dem rechtskonservativen Likud ausgetreten, da etliche Parteikollegen erbitterten Widerstand gegen den von ihm durchgesetzten israelischen Abzug aus dem Gaza-Streifen nach fast 40-jähriger Besatzung geleistet hatten. Die weiteren Aussichten für den Friedensprozess mit den Palästinensern sind nun völlig unklar.

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