Geteilte Gesellschaft Großbritanniens
Der Feind im Innern

Muslime fühlen sich missverstanden, verfolgt, die britische Gesellschaft bedroht. Unter der Oberfläche des multikulturellen Großbritannien ist ein Graben, hinter dem sich die Muslime verschanzen. Sind die Verdächtigen von London normale junge Männer mit pakistanischen Wurzeln und britischem Pass oder Terroristen? Eine Spurensuche.

LONDON. Vier junge Männer in einem neuen BMW mit laufendem Motor beobachten das Haus im Walton Drive mit der Nummer 36. Mit ihren Blicken verfolgen sie jede Bewegung der beiden Polizisten, die die ärmliche Doppelhaushälfte bewachen, während innen drin die Spurensicherung am Werk ist. Die Männer tragen T-Shirts von „Prada“ und „Diesel“, gepflegte Stoppelbärte, die schwarzen Haare sind mit Gel frisiert – offenbar moderne, britische Muslime. „Die Polizei hat wieder einen Riesenfehler gemacht. Ich kenne Amjad. Er ist unschuldig“, sagt der Fahrer des BMWs. Dann gibt er Gas und fährt davon.

Großbritanniens Muslime reagieren mit Misstrauen, fast feindseliger Skepsis und auch Angst auf die Verhaftungen der vergangenen Woche. Nicht nur in High Wycombe, dem friedlichen Städtchen westlich von London. Hier im Walton Drive wurden zwei Männer verhaftet, die angeblich bis zu zehn Flugzeuge in die Luft sprengen wollten: die Brüder Amjad und Assad Sarwar, 25 und 28 Jahre alt, beide junge Familienväter.

Neun Häuser in der Straße wurden zeitweise geräumt, ein Flugverbot über Wycombe verhängt. Material zur Bombenherstellung soll in dem Haus gefunden worden sein, laut Anwohnern ist die Polizei in einem nahe gelegenen Wäldchen auf Zündvorrichtungen gestoßen.

„Sie sollen erst einmal beweisen, dass die Londoner Bomber vom 7. Juli vergangenen Jahres Muslime waren“, sagte Mohammed Naseem, der Vorsitzende der Birminghamer Zentralmoschee am Freitag. In Birmingham durchsuchte die Polizei die Bäckerei von Abdul Rauf. Sohn Rashid soll der Strippenzieher der befürchteten Anschläge gewesen sein, möglicherweise ein El-Kaida-Verbindungsmann. Seine Verhaftung in Pakistan zwang die britische Polizei zum schnellen Schlag gegen die mutmaßlichen Terroristen.

Andere der 23 Verdächtigen kamen aus Walthamstow in Ostlondon. Dort stand am Freitag Imam Shoaib auf der Treppe der Masjid-e-Umer-Moschee und verlas eine Erklärung: „Menschen müssen so lange als unschuldig gelten, bis ihre Schuld bewiesen ist.“ 1 100 Männer waren am Freitag zu den Gebeten gekommen – zehnmal so viele wie sonst.

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