Gewalt in Caracas
Venezuela am Rande des Bürgerkriegs

Hunderttausende demonstrierten in Venezuela erneut gegen Präsident Maduro. Jener kündigte an, eine halbe Million Milizen mit Waffen auszustatten. Die internationale Gemeinschaft zeigt sich besorgt. Doch was tun?
  • 1

CaracasAngesichts dramatischer Szenen in Venezuela fordert die internationale Gemeinschaft von Präsident Nicolás Maduro ein Zurückziehen der brutal agierenden Milizen. Im Internet kursierende Bilder zeigten, wie auf Demonstranten von Motorrädern aus geschossen wurde, zudem prügelten Polizisten auf Protestierende ein, von denen einige aber ebenfalls gewalttätig wurden.

Der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Luis Almagro sagte, die Demokratie in Venezuela sei „tödlich verletzt“. Auch am Donnerstag demonstrierten laut Schätzungen Hunderttausende für Neuwahlen und gegen ein Abdriften in die Diktatur.

„Wir verurteilen vor allem, dass das Regime die Colectivos bewaffnet hat, damit sie unkontrolliert Repression ausüben“, sagte der frühere uruguayische Außenminister Almagro. Als Colectivos werden mit den seit 1999 regierenden Sozialisten sympathisierende Milizen bezeichnet, die mit Waffen und Schlagketten Gegner attackieren.

Maduro bot zugleich einen Dialog an. „Es wird nie einen Bürgerkrieg in unserem Vaterland geben“, teilte er per Internetbotschaft mit. Seit Tagen setzt die Polizei massiv Tränengas ein, gerade in Caracas.

Bilder von einer Frau, die sich einem gepanzerten Fahrzeug inmitten von Tränengas entgegenstellt oder von einem nackten Mann, der einen Panzerwagen besteigt und ein Ende der Gewalt fordert, wurden in sozialen Medien tausendfach verbreitet. Der Mann hatte sich zuvor mit ausgestreckten Armen und einer Bibel in der Hand zwischen schwer bewaffnete Polizisten gestellt, die sich mit Gasmasken auf ihren Motorrädern gegen das versprühte Tränengas schützten. „Werft keine Bomben mehr“, rief er mit Blick auf den massiven Tränengaseinsatz.

Maduro wittert ein Komplott und forderte die Verteidigung der von Hugo Chávez begonnenen sozialistischen „Revolution“ - dank der Öleinnahmen wurde lange massiv in Sozialprogramme und Wohnungsbau investiert. Aber Misswirtschaft ließ das Land zuletzt abstürzen.

Bisher starben bei den Protesten, die durch die zeitweise Entmachtung des Parlaments ausgelöst wurden, neun Menschen, fast tausend Menschen wurden bislang festgenommen. Das Land steht vor dem Ruin. Wegen der Bedienung milliardenschwerer Auslandsschulden und der höchsten Inflation der Welt können kaum noch Lebensmittel und Medikamente importiert werden, die in Euro oder Dollar zu bezahlen sind.

Präsident Maduro macht den niedrigen Ölpreis und Sanktionen für die Misere verantwortlich - 2016 brach die Wirtschaftsleistung um rund 18 Prozent ein. Antibiotika, Diabetes- oder Epilepsie-Medikamente sind kaum noch zu bekommen. Die Kindersterblichkeit stieg deutlich an. Auf Müllkippen suchen Menschen, gestört von Geiern, nach Essensresten.

Seite 1:

Venezuela am Rande des Bürgerkriegs

Seite 2:

Uno fordert Ende der Zusammenstöße in Venezuela

Kommentare zu " Gewalt in Caracas: Venezuela am Rande des Bürgerkriegs"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Sehr interessant ist wie die Qualitätsmedien die Ereignisse in der sozialistischen Terrordiktatur Venezuela beschweigen und beschönigen.

    Sachlich gesehen ist Venezuela spätestens seit Entmachtung des Parlaments eine sozialistische Diktatur. Mit der Bewaffnung von regierungstreuen Milizen wird ein unkontrollierter Terror gegenüber der Opposition aufgebaut.

    Sachlich gesehen hat Venezuela den Spruch, dass im Sozialismus selbst der Sand in der Wüste knapp wird, bestätigt. Venezuela ist das Land mit den weltgrössten Erdölresourcen, gleichwohl ist die Erdölförderung massiv gesunken und das Land nahezu pleite.

    Hintergrund: Vor dem Machtantritt von Chavez (Vorgänger Maduros) förderte Venezuela 3,3 - 3,5 mio bbl/day, heute nur mehr 1,7 mio bbl/day. Verladekais wurden aufgrund Geldmangels monatelang nicht repariert. Undichte Pipelines am Grunde des Maracaibosees werden nicht repariert. Schiffe müssen gereinigt werden bevor diese fremde Häfen anlaufen. Man stelle sich den Ökoaufschrei vor wenn dies ein nicht-sozialistischer Staat tun würde.

    Mit der Verstaatlichung der Konsumgüterindustrien und deren Niedergang ist der Anteil der nicht-Erdöls am BIP gesunken, viele Menschen arbeitslos geworden und auf die staatliche Wohlfahrt angewiesen.

    Die Stromversorgung dieses auch erdgasreichen Landes hängt an ein paar Stauseen und ist instabil

    usw.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%