Gewalt in England
Einwohner verteidigen ihr Viertel mit Schwertern

Die Gewaltexplosionen in England dauern an. Ein Großaufgebot der Polizei sorgt in London für Ruhe, doch in anderen Städten brennt es. Bürger nehmen ihre Sicherheit selbst in die Hand. In Birmingham gib es drei Tote.
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LondonGroßbritannien kommt nicht zur Ruhe. Auch in der vierten Nacht nacheinander kam es zu massiver Gewalt. Während allerdings in London 16.000 Polizisten im Einsatz waren und eine gespenstische Ruhe herrschte, kam es diesmal in Einkaufsvierteln in Manchester, Salford, Birmingham und anderen Städten zu Randale. In Nottingham wurden Brandbomben in eine Polizeiwache geworfen. Der Polizeichef von Manchester, Garry Shewan, sprach von einem „außergewöhnlichem Ausmaß an Gewalt“. Nach Hunderten von Verhaftungen im ganzen Land – 700 allein in London – sind viele Polizeizellen im Land überfüllt.

In Birmingham forderten die Krawalle drei weitere Todesopfer. Drei Männer, die aus einer Moschee kamen und offenbar ihr Viertel beschützen wollten, wurden in der Nacht zum Mittwoch von einem Autofahrer buchstäblich „niedergemäht“. „Das Auto hat einen Schlenker direkt auf sie zu gemacht. Es war eiskalter Mord“, sagte ein Augenzeuge. Die Polizei hat Ermittlungen wegen Mordes eingeleitet und eine Person verhaftet. Am Dienstag war in London ein 26-jähriger gestorben, der während eines Krawalls einen Kopfschuss erhalten hatte.

Überall im Land nehmen Bürgergruppen nun die Sicherheit selbst in die Hand – wie die drei Männer in Birmingham. In Southall in London gruppierten sich gestern Abend 700 Sihkhs, bewaffnet mit Hockeyschlägern und ihren rituellen Schwertern, um Wohnungen und Ladenstraßen zu schützen. „Die Polizei ist überarbeitet. Wir unterstützen sie. Warum sollen wir unsere Häuser, unsere Geschäfte und unsere Gotteshäuser nicht gegen diese Terroristen verteidigen“, sagte einer der Organisatoren.

Geschäftsviertel hatten sich auf weitere Gewalt vorbereitet und am Dienstag Abend frühzeitig geschlossen. Pubs, Eckläden, Shopping Zentren ließen die Rollläden herunter. „Wegen des bevorstehenden Zusammenbruchs der öffentlichen Ordnung schließen wir heute früher“, schrieb ein Ladenbesitzer auf einen Zettel.

Eine Debatte um die Jugend und ihre Kultur hat begonnen. Gesellschaftliche Strukturen und Selbstwert bedeuteten ihnen weniger als die durch die Gruppe oder „Gang“ gefundene Identität, sagen Psychologen. Polizeichef Shewan unterstrich, in seiner Stadt Manchester habe die Jugend keinerlei Grund zum Protest. „Hier gibt es kein Gefühl von Ungerechtigkeit. Hier gab es keinen Funken, der dies hätte herbeiführen können. Dies ist sinnlose Gewalt und pure Kriminalität in einem Ausmaß, wie ich es noch nie in meiner Laufbahn gesehen habe.“

Die Gewalttäter schlugen Schaufensterscheiben ein und plünderten Läden. Ein Geschäft wurde in Brand gesetzt. In Salford bei Manchester schleuderten Randalierer Ziegelsteine auf Polizisten und steckten Gebäude an. Auch ein BBC-Kameramann wurde angegriffen. Fernsehbilder zeigten, wie Flammen aus Häusern und Autos schlugen. Über den Straßen bildete sich dichter Rauch.

In Manchester und Salford wurden 113 Menschen festgenommen. In Liverpool nahm die Polizei 50 Leute fest. Im Problembezirk Toxteth setzten Randalierer Fahrzeuge der Feuerwehr in Brand. Rund 200 Jugendliche zogen plündernd und randalierend durch die Straßen. Auch in der zentralenglischen Stadt Wolverhampton wurden Geschäfte ausgeraubt, in West Bromwich Autos angezündet. Aus Leicester, Milton Keynes und Gloucester gab es ebenfalls Berichte über Unruhen.

(Mit Reuters-Material)


Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Gewalt in England: Einwohner verteidigen ihr Viertel mit Schwertern "

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  • Beängstigend und deprimierend. Diesen Ausbruch von Gewalt muss man aufs Schärfste verurteilen.
    Zurück bleibt ein fader Geschmack, aber auch die Vermutung, das in einer Gesellschaft, in der die Chancen gleichmässiger verteilt sind, so eine Entwicklung eher unwahrscheinlich wäre.
    Kriminalität lohnt sich nicht....so sehr wie Lobbyismus.

  • Diese Abwanderung gibt es bei uns auch.
    Jedes verlasen mehr als 100.000 Leute unser Land. Es sind die gut Ausgebildeten, die hier keine Perspektiven mehr für sich sehen, auch wegen der zunehmenden Islamisierung unseres Landes.
    Auch finanziell entsteht unserem Land ein immenser Schaden, denn all diese jungen Leute wuden hier teuer ausgebildet und verschwinden dann.
    Was unser Staat hier angerichtet hat, können die kriminellen Politiker nie wieder gut machen

  • Diese ganzen Probleme der Jugendlichen, wir haben es ja hier auch, haben doch ihren Ursprung in der nicht mehr statt findenden Erziehung, in der Kuschelpädagogik in den Schulen. Wenn sie schon von klein auf keine Ordnung, Disziplin etc lernen, dann müssen wir alle uns nicht wundern.
    Eine Justiz die auch nur einem 17 oder 18jährigen gegenüber immer nur "Du,Du" macht, ist doch für solche Jungs nur eine Lachnummer.
    Was wir bräuchten sind geschlossene Erziehungsheime, die können geführt werden wie ein Internat, wo es Schulbildung und evlt. in Zusmmenarbeit mit Betrieben, Ausbildung gibt und Jugendliche lernen, dass man was leisten muß, dass man sich einbringen muß, dass es Regeln gibt, die jeder einhalten muß.
    Aber die Staaten, gerade ja auch unserer, schauen nur zu. Sie plappern viel, tun aber nichts.
    Und dass in den Schulen so vieles schief läuft, ist keine Frage des Geldes sondern liegt genau an der fehlenden Ordnung und Disziplin die ich gerade beschrieben habe.
    Bei uns wird viel zu viel immer nach Geld geschrien und das schadet mehr als es nützt

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