Gewaltexzesse in Mexiko: Mit Sturmgewehr und Videokamera

Gewaltexzesse in Mexiko
Mit Sturmgewehr und Videokamera

In Mexiko tobt ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist: Vor allem Acapulco, der Badeort an der mexikanischen Pazifikküste, wird zunehmend Schauplatz von Revier- und Revanchegefechten der Rauschgiftkartelle untereinander und mit der Polizei. Jeder Schritt der Regierung gegen die Kartelle erscheint aussichtslos.

MEXIKO-STADT. Die Mörder tragen Uniform. Es ist ein sonniger Mittwochmorgen Anfang Februar in Acapulco. María de los Ángeles González Carrera, Sekretärin auf dem Polizeirevier im Stadtteil Ciudad Renacimiento, geht wie gewohnt ihrer Arbeit nach, als gegen 10.30 Uhr acht Männer in olivgrünen Militäranzügen und roten Baretts die Wache betreten. Sie müssten die Waffen kontrollieren, behaupten sie und sammeln Pistolen und Gewehre ein. Als die Polizisten entwaffnet sind, richten die angeblichen Militärs ohne langes Zögern ihre AK-47- und AR-15-Sturmgewehre sowie eine Videokamera auf ihre Opfer – und drücken ab. Die 38-jährige Sekretärin González Carrera stirbt ebenso von Kugeln durchlöchert wie zwei Polizeibeamte.

Kaum eine halbe Stunde später ereignet sich ein identischer Überfall auf ein anderes Polizeirevier in Acapulco. Diesmal sterben drei Polizisten und wieder eine Sekretärin. Und erneut filmen die Mörder ihre Tat. Die sieben Toten von Acapulco sind die Opfer 150 bis 156 des noch jungen Jahres im Kampf um Drogen.

Fast im Wochenrhythmus rollen in der Millionenstadt Köpfe: Enthauptungen und Überfälle gehören fast genauso zu Acapulco wie Sonne und Meer. Die kaltblütigen Morde seien eine Botschaft der Mafia an die Regierung des neuen bürgerlichen Präsidenten Felipe Calderón, schreibt der Publizist Jorge Zepeda Patterson. Und diese lautet: Wir lassen uns nicht einschüchtern.

Denn der Staatschef, seit drei Monaten im Amt, hat die Sicherheitspolitik und den Kampf gegen die Kartelle zur obersten Priorität erkoren. Ähnlich wie der kolumbianische Präsident Álvaro Uribe stützt Calderón sich dabei ganz auf Militär und Bundespolizei. „Mexiko muss ein Land der Gesetze sein, ein Land, in dem der Rechtsstaat sich durchsetzt“, betont er bei jeder Gelegenheit. Wie notwendig rasches Handeln ist, zeigt die Zahl von 2 000 Toten im Drogenkrieg vergangenes Jahr.

In einer ersten Amtshandlung entsandte Calderón daher mehr als 10 000 Soldaten und Bundespolizisten in die besonders von der Rauschgiftkriminalität gebeutelten Bundesstaaten. Allein Acapulco und Umgebung sollen 8 000 Beamte befrieden. Bisher vergeblich. Zudem lieferte die Regierung 15 führende Rauschgiftbosse an die USA aus. „Wir wissen, dass es eine Schlacht ist, für die es keine einfachen Rezepte gibt, die lang sein und viel Geld und vermutlich auch viele Leben kosten wird“, stimmt Calderón die Bevölkerung auf einen harten Konflikt ein.

Experten warnen jedoch. „Es ist ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist“, sagt José Antonio Crespo vom Forschungsinstitut CIDE. Die strategische Lage Mexikos an der Grenze zu den USA, die Korruptionsanfälligkeit des einfachen Polizisten bis hin zum hochrangigen Politiker, das Fehlen einer umfassenden Strategie sowie die gigantischen Gewinnspannen im Rauschgiftschmuggel machten den Kampf gegen die Kartelle aussichtslos. Die Mafia habe den Staat längst untergraben oder korrumpiert, sagt Crespo. Und schon lange konzentriert sich der Drogenkrieg nicht mehr nur auf den Norden Mexikos an der Grenze zu den USA. In mindestens einem halben Dutzend Bundesstaaten geben die Drogenbosse den Ton an.

Seit 2001, als Calderóns Vorgänger Vicente Fox sich den Kartellen entgegenstellte, starben 9 000 Menschen im Ringen der Mafia um Macht und Märkte in Mexiko. Polizei und Justiz sind heillos überfordert oder mischen selbst mit im profitablen Geschäft um das Rauschgift und die Lieferrechte für den großen US-Markt. Erst vor wenigen Tagen leitete die mexikanische Justiz ein Ermittlungsverfahren gegen den Bürgermeister von Acapulco ein. Félix Salgado Macedonio steht im Verdacht, auf der Gehaltsliste der Mafia zu stehen.

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