Gewaltige Pläne
Indien wirbt um Atom-Investitionen

Indien will bis Mitte des Jahrhunderts weltweit die meisten neuen Kernkraftwerke bauen. Angetrieben von der Sorge über einen gravierenden Energiemangel erweitert das in absehbarer Zeit bevölkerungsreichste Land der Welt sein ehrgeiziges Nuklearprogramm. Ob westliche Kraftwerksbauer etwas von dem indischen Atom-Kuchen abbekommen ist allerdings fraglich.
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NEU-DELHI. Die installierte Kraftwerksleistung könne von aktuell rund vier Gigawatt auf bis zu 470 Gigawatt im Jahr 2050 steigen, kündigte Premierminister Manmohan Singh an und warb um ausländische Investitionen. "Unsere Nuklearindustrie steht vor einer massiven Erweiterung, und es gibt für internationale Unternehmen enorme Chancen, daran teilzunehmen."

Die Pläne der Regierung in Neu-Delhi sind gewaltig. In den nächsten 20 Jahren will sie die aktuelle Atomstromproduktion Frankreichs erreichen und 100 Mrd. Dollar in den Bau neuer Kraftwerke investieren. Bis Mitte des Jahrhunderts, so Singhs ehrgeiziges Ziel, sollen 40 Prozent des indischen Strombedarfs aus Atomkraft gedeckt werden. Bei erfolgreicher Umsetzung würde das selbst Chinas riesiges Nuklearprogramm übertreffen.

In einem ersten Schritt will die Regierung unter anderem den Bau selbst entwickelter Schneller Brüter vorantreiben sowie die Wiederaufarbeitung von Brennstäben, um das Endlagerproblem zu entschärfen. Später soll das im Land reichlich vorhandene Thorium als Brennstoff verwendet werden. Denn Indiens Uranvorkommen sind gering. Die Erfahrung eines 34-jährigen internationalen Nuklearembargos wegen des ersten Atomtests 1974 hat das Autarkiebestreben des Landes bei Brennstofflieferungen bestärkt.

Nuklearkonzerne wie Frankreichs Areva, die US-Unternehmen General Electric und Westinghouse sowie Russlands Atomindustrie rechnen nach dem Ende des Embargos im vergangenen Jahr mit einem Riesengeschäft. Indien hat bereits fünf Standorte in verschiedenen Bundesstaaten für ausländische Kraftwerksprojekte festgelegt, jeweils zwei für Amerikaner und Russen sowie Jaitapur im Bundesstaat Maharastra für Areva.

Der französische Hersteller hat auch schon einen Vorvertrag mit dem staatlichen Betreiber Nuclear Power Corp. of India (NPCIL) zum Bau von zwei 1 650-Megawatt-Reaktoren für acht Mrd. Euro in der Tasche. Dafür bekommt Indien modernste Atomtechnologie - den gemeinsam von Areva und Siemens entwickelten Europäischen Druckwasserreaktor (EPR), der erstmals zurzeit in Finnland gebaut wird. Auch General Electric und Westinghouse bieten ihre neuesten Reaktoren an. Insgesamt 17 000 Megawatt sollen Franzosen, Amerikaner und Russen in einer ersten Phase liefern.

Doch indische Experten zweifeln an dem von den westlichen Atomkonzernen erwarteten Auftragsboom. "Der von Premier Singh angekündigte Kapazitätsaufbau ist in diesem Umfang illusorisch", kritisiert Surya Sethi, Ex-Regierungsberater für den Bereich Energie. Vijay K. Chaturvedi, Direktor für Nuklearenergie beim privaten indischen Versorger Reliance Energy, sieht Geldmangel als zentrales Hindernis: "Indien kann den hohen Preis für Atomkraftwerke auf dem internationalen Markt nicht bezahlen." Die Investitionskosten für Arevas EPR zum Beispiel seien beinahe dreimal so hoch wie für indische Druckwasserreaktoren gleicher Leistung. Deshalb würden ausländische Firmen in Indien nur dann in dem erwarteten Umfang zum Zuge kommen, wenn die Regierung die Restriktionen für private Investoren lockere.

Bisher dürfen sich private Kraftwerksbauer und-betreiber nur mit einem Minderheitsanteil von bis zu 49 Prozent an Atomkraftwerken beteiligen. Die Mehrheit und damit das Sagen hat die staatliche NPCIL. Die Regierung erwäge zwar eine Gesetzesänderung, sagt Chaturvedi, doch die werde Jahre dauern. Das ist aber nicht die einzige Hürde für westliche Anbieter. Die Stromtarife würden auf Basis der geringeren Kosten indischer Atommeiler festgelegt, betont Surendra Rao, Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts ISEC und ehemaliger Vorsitzender der Regulierungskommission für den Elektrizitätssektor. Das mache den Betrieb der teuren ausländischen Reaktoren unattraktiv.

Experten wie Rao erwarten deshalb, dass Indien auf einen Teil der geplanten Kraftwerkskäufe im Ausland verzichtet und stattdessen verstärkt auf heimische Technologie setzen wird. Diese Aussicht beunruhigt nicht nur die westlichen Nuklearkonzerne, sondern offenbar auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA). Ihr Generaldirektor Mohamed el Baradei mahnte vergangene Woche bei einem Besuch in Neu-Delhi, dass neue Atomkraftwerke nur gemäß den strengsten Sicherheitsstandards gebaut werden sollten. Zwar vermied es Baradei, dabei Indien namentlich zu erwähnen. Westliche Experten allerdings warnen, Indiens Atommeiler seien weniger sicher als die neueste Reaktorgeneration aus Frankreich und den USA.

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