Gewalttätige Proteste Iran verliert die Kontrolle

Die Proteste im Iran gehen weiter. Bislang starben mindestens 21 Menschen. Präsident Ruhani räumt „Mängel“ im System ein, bezeichnete die Proteste aber als vom Ausland gesteuert.
Update: 02.01.2018 - 19:38 Uhr 29 Kommentare

„Die Regierung wird keine Toleranz zeigen“ – Dutzende Tote bei Protesten

„Die Regierung wird keine Toleranz zeigen“ – Dutzende Tote bei Protesten

TeheranDie Unruhen im Iran weiten sich aus. Bei den Protesten starben in der Nacht zum Dienstag neun weitere Menschen. Zudem wurde erstmals ein Revolutionswächter getötet. Das sind Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden, einer paramilitärischen Organisation zum Schutz des Systems. Insgesamt starben nach Angaben des Staatsfernsehens im Zentral-, West und Südwestiran bislang mindestens 19 Demonstranten. Zudem kamen ein alter Mann und ein Kleinkind bei einem Unfall während der Proteste im westiranischen Dorud um.

Außerdem wurden 100 Demonstranten festgenommen. „200 Menschen wurden am Samstag festgenommen, 150 am Sonntag und ungefähr 100 am Montag“, zitierte die halbamtliche Nachrichtenagentur Ilna am Dienstag den stellvertretenden Gouverneur der Provinz Teheran, Ali Asghar Naserbacht. Insgesamt sind damit seit Samstag, allein in der Hauptstadt des Landes 450 Demonstranten festgenommen worden. Eine Zahl für das ganze Land lag zunächst nicht vor, es sollen aber insgesamt weit über tausend Menschen hinter Gittern sein. Das französische Außenministerium äußerte sich besorgt über „die erhebliche Zahl von Opfern und Festnahmen“ im Iran.

Der iranische Generalstaatsanwalt Mohamed Dschafar Montaseri hat Demonstranten vor harschen Konsequenzen gewarnt. „Es ist Schluss mit lustig“, sagte Montaseri am Dienstag nach Angaben der Nachrichtenagentur Ilna. Er warnte „Krawallmacher“ und sagte, dass die Justiz in enger Zusammenarbeit mit der Polizei konsequent gegen sie vorgehen und sie vors Gericht stellen werde.

Präsident Hassan Ruhani räumte ein, dass die Regierung die Lage nicht mehr völlig kontrolliere. Die USA und Israel unterstützten die Proteste und äußerten ihre Hoffnung auf einen politischen Umsturz in Teheran. Die EU, Großbritannien und Deutschland appellierten an die Regierung des Irans, eine öffentliche Debatte zuzulassen. Als Reaktion bezeichnete der oberste iranische Führer Ajatollah Ali Chamenei die Proteste gegen das islamische Establishment als vom Ausland gesteuert. „Die Feinde des Irans haben in den letzten Tagen den Unruhestiftern Geld und Waffen sowie politische Unterstützung zur Verfügung gestellt, um dem Iran zu schaden“, sagte Chamenei am Dienstag in einer ersten Reaktion auf die Proteste im Land. Was die Verwirklichung ihrer Ziele jedoch verhindere, seien der Mut und die Opferbereitschaft des iranischen Volkes. Chamenei werde demnächst ausführlich über die Proteste und ihre Hintergründe sprechen, hieß es.

An den Rohstoffmärkten verbreiten die Nachrichten aus dem Iran Unruhe: So stieg der Ölpreis am Dienstagmorgen auf ein Zweieinhalb-Jahres-Hoch. Dazu trugen Börsianern zufolge Spekulationen auf den Ausfall iranischer Exporte bei. Die Sorte Brent aus der Nordsee verteuerte sich um 0,6 Prozent auf 67,29 Dollar je Barrel.

Das staatliche Fernsehen Irib berichtete, der Revolutionswächter sei in Nadschafabad im Zentraliran von Demonstranten erschossen worden. Nach Angaben des Senders beweist die Tat, dass einige der Demonstranten bewaffnet seien. Die Nachrichtenagentur Tasnim hatte zuvor berichtet, bei dem Toten habe es sich um einen Polizisten gehandelt, zudem habe es drei Verletzte gegeben.

In sozialen Netzwerken wird behauptet, dass die Polizei in Dutzenden Städten auf die Demonstranten schieße. Diese Berichte ließen sich allerdings nicht unabhängig überprüfen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Tasnim wurde in der Nähe von Nadschafabad eine Polizeiwache von Demonstranten in Brand gesetzt. Dem Staatsfernsehen zufolge wurden zudem in mehreren Städten staatliche Einrichtungen von Bewaffneten attackiert. Auch diese Berichte ließen sich nicht unabhängig verifizieren.

Bei einer Krisensitzung am Montag im Parlament erklärte Präsident Ruhani, es wäre ein Fehler, die Proteste nur als ausländische Verschwörung einzustufen. „Auch sind die Probleme der Menschen nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern sie fordern auch mehr Freiheiten.“ Er kritisierte damit indirekt die Hardliner im Klerus, die seine Reformen blockieren. Ruhani zufolge sollten die Proteste nicht als Gefahr, sondern als Chance angesehen werden.

In seiner ersten Reaktion am Sonntag hatte der Präsident aber auch vor Ausschreitungen gewarnt, die die Sicherheit des Landes gefährden könnten. Er rief die Regimekritiker dazu auf, Proteste über legale Kanäle zu beantragen. In sozialen Netzwerken wurde der Vorschlag als Rhetorik bewertet. Das Innenministerium würde nach Meinung vieler Iraner niemals Anträge auf systemkritische Kundgebungen genehmigen.

Die Proteste hatten am Donnerstag begonnen. Sie richteten sich zunächst gegen die Wirtschafts- und Außenpolitik der Regierung, wurden aber zunehmend systemkritisch. Am Samstag griffen die Proteste auch auf die Hauptstadt Teheran über. Nach Augenzeugenberichten griff die Polizei in Teheran mit Wasserwerfern und Tränengas ein.

Ein iranischer Abgeordneter sprach von zwei Demonstranten, die in der Nacht zum Montag in der Stadt Iseh im Südwestiran getötet worden seien. Es habe auch Verletzte und Festnahmen gegeben, sagte Hodschatollah Chademi der Nachrichtenagentur Ilna. Bei einigen der Festgenommenen seien auch Waffen, Munition und Sprengstoff entdeckt worden. Nach unbestätigten Berichten in sozialen Netzwerken soll Iseh kurzfristig sogar von Regimegegnern besetzt gewesen sein. Zwei weitere Menschen wurden in Dorud getötet, jeweils drei im zentraliranischen Schahinschar und in Toserkan (Westiran).

Es gab zudem zahlreiche Festnahmen. Nach Berichten in sozialen Netzwerken reichte die Zahl landesweit von 100 bis 800. Am Montag funktionierte das zwischenzeitlich gestörte Internet im Iran wieder normal. Da iranische Medien über die Proteste selbst kaum berichten, werden viele Berichte und Videos über soziale Netzwerke verbreitet.

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29 Kommentare zu "Gewalttätige Proteste: Iran verliert die Kontrolle"

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  • Meinen Sie, dass sind Marschflugkörer, mit denen Deutschland am Hindukusch verteidigt wird?

  • Meinen Sie, dass sind Marschflugkörer, mit Deutschland am Hindukusch verteigt wird?

  • " aber heute läßt man sie frei fliegen"

    Wie soll man die sonst auch ernähren? Außerdem bevorzugen die [Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.] Und den gibt es nur im Öffentlichen.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Frau Annette Bollmohr

    konnte es nicht etwas schlichter und kürzer sein?

    "Wer schreit, dem könnte der Kragen geplatzt sein".

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  • @Herr Peter Spiegel, 02.01.2018, 15:25 Uhr

    „Die die schreien haben Unrecht“

    Wer schreit denn hier? Außerdem ist das Quatsch, was Sie da sagen. Wer schreit, hat nicht unbedingt Unrecht, der hat sich weit öfter nur nicht mehr im Griff.

  • Herr Spiegel - wieso sollte ein Fliege eine gewisse Vorfreude entwickeln?

    Dazu müsste eine Fliege doch wohl zuerst einmal lesen können - aber dann auch noch verstehen.

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