Gewichtsverlagerung
Britische Regierung entdeckt Industriepolitik neu

Angesichts der Finanzkrise bricht die britische Regierung mit dem New-Labour-Credo von der postindustriellen Gesellschaft und wendet sich wieder einer aktiveren Industriepolitik zu. Mit staatlicher Unterstützung für neue Umwelttechnologien und Fertigungsverfahren, Ausbildungshilfen sowie Exportsubventionen soll die Wirtschaft auf die Zeit nach der Rezession vorbereitet werden.

LONDON. Der Politikschwenk sei fast so bedeutsam wie die Nationalisierung von Banken, urteilten Kommentatoren. "Für New Labour ist dies ein kritischer Moment", sagte Wirtschafts- und Handelsminister Peter Mandelson in einer Rede beim Think-Tank Chatham House.

Weil Großbritanniens Wirtschaftsleistung zu einem großen Teil von der Finanzdienstleistungsbranche abhängt, ist das Land von der Finanzmarktkrise besonders betroffen. Da die "konsolidierte Finanzindustrie" künftig nicht mehr die Melkkuh der Nation sein kann, richtet die Politik ihr Augenmerk nun wieder stärker auf die verarbeitende Industrie. Deren Anteil an der Wirtschaftsleistung ist in den letzten 20 Jahren aber von 31 auf 13 Prozent gefallen.

70 Prozent der Wertschöpfung seien in den vergangenen zehn Jahren mit Finanzdienstleistungen, im Wohnungsmarkt und im öffentlichen Dienst erwirtschaftet worden, kritisierte Oppositionschef David Cameron. Alle drei Bereiche werden aber auf absehbare Zeit schwach bleiben. "Unsere Fixierung auf eine postindustrielle Gesellschaft hat unserer Wirtschaft großen Schaden zugefügt", warnte Rolls-Royce-Chef John Rose jüngst bei der Jahreskonferenz des Wirtschaftsverbandes CBI. Der Glaube, Großbritannien könne Ideen und Dienstleistungen liefern und die schmutzige Produktion anderen überlassen, sei widerlegt.

Zwar sei die britische Industrie noch die sechstgrößte der Welt, sagte Minister Mandelson. Aber die jüngste Quartalsumfrage des Herstellerverbandes EEF zeigt, wie schmal der Sektor aufgestellt ist. Statt durch das fallende Pfund in den Genuss eines Exportaufschwungs zu kommen, wird 2009 ein Rückgang von 6,3 Prozent erwartet. "Alle Fortschritte der letzten Jahre in Großbritanniens herstellender Industrie sind über Nacht zerstört worden", kommentierte Bob Hale vom Finanzanalysten Grant Thornton. "Der Sektor braucht sofortige Hilfe von der Regierung."

Auf allen Seiten wird nun eine Verlagerung der Gewichte innerhalb der Wirtschaft gefordert. Mandelson distanzierte sich aber von Labours alter Industriepolitik, bei der Unternehmen direkt vom Staat übernommen wurden. Der Staat könne aber "smarter" werden und "auf die richtige Weise in Menschen und Infrastruktur investieren und relevante Entscheidungen koordinieren". So will Umweltminister Ed Miliband nach Jahren der Unentschlossenheit nun eine Road-Map für den Aufbau der Umwelt- und Energieindustrien vorlegen.

Die Nagelprobe könnte mit dem ersten Zusammenbruch eines Industrieunternehmens kommen. Ob die Regierung dann mit großen Subventionen eingreift, ist fraglich. Aber Mandelsons Ministerium arbeitet bereits an Listen, um Sektoren mit dem größten strategischen Wert zu identifizieren. "Wir müssen uns auf Politikbereiche konzentrieren wie Technologie, Ausbildung, Regulierung, Investition und Exportmärkte - und wie wir in diesen Bereichen die Voraussetzungen für industriellen Erfolg schaffen." Der Industrieverband EEF wäre schon zufrieden, wenn die Regierung sich zunächst um die Ausbildung von mehr Facharbeitern und Ingenieuren kümmern würde.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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