Gezielte Schüsse?
Sgrena erhebt Vorwürfe gegen US-Truppen

Die aus irakischer Geiselhaft befreite italienische Journalistin Giuliana Sgrena hat am Sonntag schwere Vorwürfe gegen die US-Armee erhoben.

HB ROM. US-Soldaten im Irak hätten nach der Freilassung möglicherweise gezielt auf ihren Wagen geschossen, weil die US-Regierung gegen die von Italien geführte Politik der Verhandlungen mit Geiselnehmern sei, sagte die Reporterin nach ihrer Rückkehr nach Rom. Der Darstellung des US-Militärs, der Wagen der Italiener sei trotz Warnschüssen auf einen US-Kontrollposten zugerast, widersprach neben Sgrena auch der Fahrer des Wagens. US-Soldaten hatten am Freitag das Feuer auf den Wagen der Journalistin und ihrer Begleiter eröffnet. Sgrena wurde an der Schulter verletzt, ein italienischer Geheimdienstmitarbeiter, der sich schützend über sie warf, starb durch die Kugeln. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi verlangt eine lückenlose Aufklärung der Vorwürfe.

Sgrena sagte am Sonntag in einem von ihrem Krankenbett aus geführten Fernsehinterview mit dem Sender Sky Italia, sie sei möglicherweise ein bewusstes Ziel gewesen, weil die USA die Verhandlung mit Kidnappern und die Zahlung von Lösegeldern ablehnt. „Die USA stimmen dieser Politik nicht zu und sie versuchen sie auf jede denkbare Weise zu stoppen.“ Die für „Il Manifesto“ und die Wochenzeitung „Die Zeit“ tätige Journalistin konnte für ihre Beschuldigungen jedoch keine Beweise liefern. Die italienische Regierung hat bestritten, in früheren Fällen Lösegelder für Geiseln gezahlt zu haben. Landwirtschaftsminister Gianni Alemanno sagte der Zeitung „Corriere della Sera“ jedoch, in diesem Fall sei es „sehr wahrscheinlich“, dass für die Freilassung der Geisel bezahlt wurde.

Berlusconi bestellte US-Botschafter ein

Nach US-Militärangaben war der Wagen auf der Fahrt zum Flughafen auf den Kontrollpunkt zugerast. Als der Fahrer auf eine Aufforderung zum Anhalten nicht reagiert habe, sei das Feuer eröffnet worden. Der Fahrer des Wagens sagte allerdings dem „Corriere della Sera“: „Wir fuhren langsam, mit einer Geschwindigkeit von etwa 40 bis 50 Kilometern pro Stunde. Auch Sgrena hatte die Geschwindigkeit des Autos als „normal“ bezeichnet. „Uns war zuerst überhaupt nicht klar, woher die Schüsse kamen“, hatte sie gesagt. „Es war nicht der Kontrollpunkt, sondern eine Patrouille, die auf uns schoss, nachdem sie uns mit einem Scheinwerfer angestrahlt hatte. Auch der Minister für die Beziehung zum Parlament, Carlo Giovanardi, sagte, dass er der US-Version der Ereignisse nicht glaube. Sgrena verdankt wahrscheinlich ihr Leben dem von US-Soldaten getöteten Geheimdienstagenten Nicola Calipari. Sie schrieb in einer Zeitungsartikel: „Nicola warf sich auf mich, um mich zu schützen und dann plötzlich habe ich seinen letzten Atemzug gehört und er starb über mir“.

Der Tod des Geheimdienstmitarbeiters verwandelte die Freude über Sgrenas Freilassung in Wut und Verärgerung. Ministerpräsident Silvio Berlusconi bestellte den US-Botschafter ein und forderte eine lückenlose Aufklärung. US-Präsident George W. Bush drückte Berlusconi sein Bedauern aus und versprach umfassende Ermittlungen. „Der Schuldige muss bestraft werden und wir verlangen eine Entschuldigung von den Amerikanern“, sagte Alemanno. Alle Italiener hätten ein Recht darauf, zu erfahren, was passiert sei, sagte auch der ehemalige Ministerpräsident und heutige Oppositionsführer Romano Prodi.

Sgrena war Anfang Februar in der irakischen Hauptstadt Bagdad verschleppt worden. Der Entführungsfall hatte Italien wochenlang in Atem gehalten. Es wird vermutet, dass für die Freilassung der Journalistin ein Lösegeld von bis zu acht Millionen Euro floss.

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