Gipfel in Baden-Baden und Straßburg
Nato in der Sinnkrise

Sechzig Jahre nach ihrer Gründung sucht die Nato auf dem morgen startenden Jubiläumsgipfel nach einer neuen Strategie. USA und Europäer sind gespalten – denn die Welt hat sich inzwischen drastisch verändert.

BRÜSSEL/BERLIN. Am 60. Geburtstag wünscht sich mancher einen zweiten Frühling. Das ist bei der Nato nicht anders, die für dieses Jubiläum große Pläne hatte: In Berlin, so hatte es der frühere US-Präsident George W. Bush vor zwei Jahren geplant, sollte die Atlantische Allianz sich selbst und die freie Welt feiern. Vor der Kulisse des Brandenburger Tors wollten die 26 Alliierten das glückliche Ende des Kalten Kriegs und die nahende Niederlage der Taliban in Afghanistan verkünden. Der Beitritt neuer Mitglieder wie Albanien und Kroatien, vielleicht auch Georgien und die Ukraine sollte die Feier krönen.

Allerdings hat sich die Welt inzwischen drastisch geändert. Bush ist nicht mehr im Amt, stattdessen hat sich sein Nachfolger Barack Obama mit einer „großen“ und „visionären“ Rede angekündigt. In Afghanistan ist der seit Jahren verkündete Sieg über die radikal-islamischen Taliban auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Georgien-Krieg im Sommer 2008 hat die Erweiterungsgelüste gebremst. Gleichzeitig hat Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy die Rückkehr seines Landes in die militärische Integration der Nato durchgesetzt. Das will er zelebrieren – weshalb der Gipfel nun als deutsch-französischer Groß-Event in Baden-Baden und Straßburg stattfindet und nicht in Berlin.

Doch die Stimmung eines echtes Aufbruchs will sich nicht einstellen. Stattdessen droht der Nato zum 60. Geburtstag eine handfeste Sinnkrise. Denn den Mitgliedstaaten schwant, dass die bisherige Ausrichtung des Bündnisses nicht mehr zu der sich immer schneller verändernden Welt passt. Auch die Nato-Strategie, die zuletzt 1999 überarbeitet wurde, ist überholt.

Vorbei sind etwa die Zeiten, da sich das Bündnis vor allem über die Bedrohung aus dem Osten definierte. „Die Amerikaner drinnen halten, die Russen draußen und die Deutschen unten“, fasste der erste Nato-Generalsekretär Lord Ismay die Nato-Ziele in den 50er-Jahren zusammen. Heute, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Beitritt ehemaliger Warschauer-Pakt-Staaten, sind sich die Alliierten nicht einmal mehr darüber einig, wo die primäre Bedrohung liegt – was auch mit der schnellen Erweiterung des Bündnisses zu tun hat. Gestern vollzogen Kroatien und Albanien ihren lang ersehnten Beitritt – als Mitglieder 27 und 28.

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