Gipfel in Nairobi will Antipersonen-Minen ächten
Russland boykottiert Landminen-Verbot

Michail war neun Jahre alt, als er auf einer Straße seiner Heimatstadt Grosny spielte. Dann trat er auf eine Antipersonenmine (APM) – und verlor beide Beine. Seit dem Unglück, es geschah 1995, stakst Michail auf dünnen Prothesen durchs Leben. Der junge Mann aus der Kriegsregion Tschetschenien in Russland gehört zu den 15 000 bis 20 000 Menschen, die jedes Jahr von APM verstümmelt, zerfetzt, getötet werden.

GENF. Jetzt soll endgültig der internationale Bannstrahl die heimtückische Waffe treffen – das jedenfalls erhoffen sich die Teilnehmer des „Gipfels für eine minenfreie Welt“. In Nairobi wollen Staatsmänner und Hilfsorganisationen ab Montag für ein universelles Totalverbot werben. „Wir hoffen, dass wir wirklich alle Staaten dieser Welt überzeugen könne, diese schrecklichen Waffen zu ächten“, sagt der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Jakob Kellenberger. Seit 1997 haben sich 143 Länder, darunter Deutschland, dem Internationalen Vertrag gegen Antipersonenminen von Ottawa angeschlossen. Die Konvention verbietet den Einsatz, die Entwicklung, den Erwerb, die Lagerung und den Handel mit APM. Zudem müssen die Bestände vernichtet werden.

Doch gerade die Weltmächte USA, Russland und China verweigern sich standhaft der Konvention. Immerhin verzichten China und die USA auf den aktiven Gebrauch der Killerapparate, doch setzt Russland sie nach wie vor ein. In ihren Arsenalen horten die Großen Drei 170 Mill. der Waffen. „Wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten, bis Russen, Chinesen und Amerikaner dem Ottawa-Vertrag beitreten“, sagt Jody Williams, die für ihre Arbeit in der Internationalen Kampagne gegen Minen (ICBL) den Friedensnobelpreis bekam.

Moskau ließ in Tschetschenien laut dem diesjährigen „Landminenbericht" Hunderttausende Minen vergraben. Russland und der südostasiatische Kleinstaat Myanmar (Burma) benutzen als einzige Länder der Welt seit 1999 „kontinuierlich Antipersonenminen“. Den Rekord können jedoch Indien und Pakistan reklamieren. Während der Spannungen zwischen den Atommächten 2001/2002 platzierten die Armeen Delhis und Islamabads „vielleicht zwei Millionen oder sogar mehr Minen an ihrer Grenze“. Insgesamt ließen seit 1999 mindestens 21 Regierungen kritische Territorien verminen.

Neben regulären staatlichen Armeen greifen auch die nichtstaatlichen Akteure auf APM zurück: Widerstandsorganisationen, Rebellen, Freischärler. Seit 1999 bekämpften mindestens 70 dieser Gruppierungen ihre Feinde mit Antipersonenminen: Von den Paramilitärs in Kolumbien bis hin zu der berüchtigten Befreiungsarmee Gottes im Norden Ugandas. Und selbst in den Waffenkammern gewöhnlicher Kriminelle stapeln sich APM. „Nichtstaatliche Akteure verlegen die Minen oft sehr willkürlich und planlos“, sagt Alexander Kmentt, österreichischer Diplomat bei der Uno in Genf und Abrüstungsspezialist. „Nach dem Ende des Bürgerkrieges in Angola etwa sind weite Teile des Landes verseucht, niemand weiß wo der nächste Apparat hochgeht."

Weltweit warten in 83 Ländern Minen auf ihre Opfer. Zwar verpflichten sich die Länder der Ottawa-Konvention ihre Territorien innerhalb von zehn Jahren zu säubern. Nur fehlt vielen Staaten das Geld. Zwar stellten internationale Geber seit 1992 mehr als zwei Mrd. Dollar bereit. „Doch das Geld reicht noch nicht aus" sagt der Präsident des Minengipfels, Österreichs Uno-Botschafter in Genf, Wolfgang Petritsch. „Die Opfer brauchen Hilfe.“

Weltweit leben zwischen 300 000 und 400 000 Minenopfer. „In vielen Ländern ohne soziale Sicherungssysteme sind die Opfer doppelt bestraft", sagt Stephen Goose von Human Rights Watch. „Sie sind verkrüppelt und verachtet." Oft können sich die Angehörigen die Behandlungen nicht leisten. Das Rote Kreuz kalkulieren so: „Wenn ein Kind Arm oder Bein verliert, so benötigt es in seinem Leben ungefähr 25 mal eine neue Prothese."

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