Gipfeltreffen
Krisengeschüttelte EU reist mit Hoffnung nach Lateinamerika

Die boomenden Volkswirtschaften Lateinamerikas sehen sich selbst nicht mehr als Problem, sondern als Teil der Lösung. Beim Treffen in Chile wird auch Kanzlerin Merkel auf selbstbewusste Gesprächspartner treffen.
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Brüssel/Santiago de ChileEs ist bereits der siebte Gipfel der Europäischen Union mit Ländern Lateinamerikas. Doch noch nie dürften die Europäer mit derart erfolgsverwöhnten Partnern zusammengekommen sein. Mehr als 60 Länder werden sich an diesem Wochenende in Santiago de Chile treffen, um vor allem über Investitionen zu reden. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird dabei sein und vor dem Treffen ein Abkommen mit Chile zur stärkeren Ausbeutung von Rohstoffen in dem Andenstaat abschließen.

In den vergangenen drei Jahren haben die Staaten mit einem durchschnittlichen Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 4,5 Prozent den EU-Wert um mehr als das Doppelte überschritten. Während die EU, schwer angeschlagen von der Finanz- und Eurokrise, sich auf eine Rezession einstellt, sind die Wachstumsaussichten für Lateinamerika und die Karibik ungleich besser.

Diese Rahmenbedingungen ermunterten Chiles Außenminister Alfredo Moreno zur Erklärung, Lateinamerika sei erstmals nicht mehr Teil des Problems, sondern eine Quelle der möglichen Lösungen für die globale Krise. Erstmals treten die gastgebenden Staaten nach deren Zusammenschluss 2011 als „Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten“ (CELAC) auf.

Vor allem Spanien setzt große Hoffnung auf die fernen Partner. Zwei Drittel der spanischen Auslandsinvestitionen sind in Lateinamerika und der Karibik angelegt. Sie stellen inmitten der Krise in Spanien für viele Unternehmen einen Rettungsring dar.

Dessen bewusst hat Ministerpräsident Mariano Rajoy schon am Donnerstag in Lima Spaniens Interesse an der von Mexiko, Kolumbien, Chile und Peru gebildeten Pazifik-Allianz bekräftigt. Gleichzeitig forderte er die peruanischen Unternehmer auf, in Spanien zu investieren. In Chile will Rajoy am Freitag mit dem Präsidenten Sebastián Piñera zusammenkommen und mit ihm gemeinsam das Unternehmerforum des Gipfeltreffens einweihen.

Auch in der EU insgesamt wird die lateinamerikanische Entwicklung anerkannt. „Die meisten der lateinamerikanischen Volkswirtschaften haben in den vergangenen 10 bis 15 Jahren eine Menge erreicht, das ist ein Eckpunkt für ein neues Gleichgewicht der Beziehungen“, erklärte der Direktor für Nord- und Südamerika im Europäischen Auswärtigen Dienst, Christian Leffler, wenige Tage vor Beginn des Gipfeltreffens.

Probleme bestehen jedoch weiterhin. Die EU erhofft sich vor allem mehr Sicherheit für ausländische Investoren. Vor dem Hintergrund von Verstaatlichungen in einigen Ländern - betroffen sind vor allem spanische Unternehmen - wolle man in einer gemeinsamen Erklärung die Notwendigkeit einer „offenen, transparenten, nicht-diskriminierenden und stabilen Umgebung“ für ausländische Investoren festhalten. Der beim Madrider EU-Lateinamerika-Gipfel vom Mai 2010 vereinbarte „Aktionsplan“ soll um eine Passage über Investitionssicherheit ergänzt werden.

Die Direktinvestitionen der EU in der Region von 613 Milliarden Dollar im Jahr 2011 (umgerechnet 471 Milliarden Euro) sind höher als die der EU in Russland, China und Indien zusammen. Sie entsprechen 47 Prozent der gesamten ausländischen Direktinvestitionen in Lateinamerika und der Karibik. Brüssel argumentiert, dass es qualitativ hochwertige Investitionen nur dann geben könne, wenn Rechtssicherheit für Investoren garantiert sei. Dies scheint jedoch kein Problem für den zunehmenden Einstieg chinesischer Investoren in der Region zu bedeuten, vor allem im Bergbau, aber auch in Infrastrukturprojekten.

Globale Ergebnisse werden von dem Treffen eher nicht erwartet. „Über die Konjunktur hinweg gibt es eine langjährige strukturelle Distanzierung zwischen der EU und Lateinamerika, mit einer immer weniger zusammenfließenden Tagesordnung“, sagte der argentinische Politologe Juan Tokatlián der Nachrichtenagentur dpa. Das Gipfeltreffen werde so ergebnislos wie die vergangenen ausgehen.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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    Die EZB kauft jetzt die ESM-Schrottpapiere an! Aber bitte investieren Sie deswegen in Europa!

    Just auf dem Weg nach Chile hat die EZB beschlossen die ESM-Papiere als Sicherheiten anzukaufen. Alle die in Davos abreisen mussten, haben das nicht mitbekommen. Die Kanzlerin wohl eingeschlossen: "Unsere Notenbank kauft alle Schrottpapiere, das ist ein sicherer Investitionsstandort!", hätte es sonst heißen müssen. Draghi hat am Freitag in Davos nichts gesagt, das zeigt wie gefährlich Draghi ist. Und den neuern Chef der Euro-Gruppe aus Holland hat er schon in der ersten Dienstwoche vom Deich gejagt. Juncker wollte diese Drecksarbeit wohl seinem arglosen Nachfolger überlassen. So geht Draghi/Juncker heute. Jetrzt sind alle geldpolitischen Dämme gebrochen, vgl. fortunanetz. Der monetäre Supergau ist eingetreten. Die direkte Finanzierung des ESM über die EZB. Und das stand nur am Freitag in der FAZ, sonst nirgends! Sagen wir so, die Südamerikaner würden in einem Europa investieren, wo die Notenbank eine Abteilung der Finanzministerien ist. Klingt eigentlich nach Südafrika!

  • Wenn einige EU-Staaten wie die PIGS als Marktteilnehmer ausfallen, weil sie außer Schulden nichts zu bieten haben, muss man sich eben woanders umschauen. So schnell geht's mit der Entlarvung der gebetsmühlenartigen Phrase: in der globalisierten Welt könne man nur gemeinsam bestehen. So verhandelt das kleine und angeblich alleine unbedeutende Deutschland mit einem außereuropäischen Land ein Rohstoffabkommen. Ganz ohne Brüssel und EU!

  • Jaja, die so erfolgreiche EU, die uns ja sooooo nutzt. Jetzt betteln wir schon in Lateinamerika!

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