Giulio Tremonti
Italiener feiern ihren Robin Hood

Er hat so gar nichts von einem Medienstar. Eine schmächtige Figur, eine Professorenbrille auf dem weißhaarigen Kopf und eine gequetschte Stimme, die ein wenig an Kermit aus der Muppetshow erinnert. Und doch ist Italiens Finanzminister Giulio Tremonti nicht nur ein beliebter Talkshowgast.

MAILAND. In Umfragen zu den beliebtesten Ministern belegt er stets Spitzenplätze, fast zwei Drittel der Italiener schätzen seine Arbeit. Und die Finanzkrise gibt dem bekennenden Globalisierungsgegner und Feind der Finanzspekulation noch mehr Auftrieb.

Absurderweise stehen in Italien eher die Mitte-links-Parteien für eine Liberalisierung der Wirtschaft, während die Regierung von Silvio Berlusconi in der Globalisierung und der Finanzspekulation das Übel der Welt sieht. So erklärte Tremonti denn auch, dass mit dem Kollaps von Lehman Brothers "nicht eine Bank gescheitert ist, sondern ein System". Der Professor für Steuerrecht, der eine florierende Steuerkanzlei in Mailand hat, sieht sich durch die Finanzkrise in seiner Kritik an einer ungezügelten Marktwirtschaft bestätigt. In seinem jüngsten Buch "Die Angst und die Hoffnung" hat er bereits das Ende der "Fabel der Globalisierung" vorausgesagt. Von ihm stammen Sätze wie "In einem Auto von Fiat steckt mehr Moral als in einem Future von Goldman Sachs".

Die Banken, vor allem die Investmentbanken, gehören zu seinen Lieblingsthemen. Die neue "Robin-Hood-Steuer" müssen nicht nur die Ölkonzerne auf ihre sprudelnden Gewinne zahlen, sondern auch die Banken - als Profiteure des Systems. Im Sommer, als der Ölpreis von einem Hoch zum nächsten kletterte, gab Tremonti den Spekulanten und vor allem Goldman Sachs die Schuld. "Wenn eine Investmentbank sagt, dass der Ölpreis auf 200 Dollar steigt, dann besteht das Risiko, dass dieser Preis erreicht wird. Und wahrscheinlich vor allem deswegen, weil genau diese Bank Futures auf diesen Preis gekauft hat." Weil Italiens Zentralbankchef Mario Draghi früher für Goldman Sachs gearbeitet hat, geht Tremonti auch mit ihm hart ins Gericht. Das Financial Stability Forum, dem Draghi vorsitzt, sei auf der ganzen Linie gescheitert, kritisiert der Minister.

Nach den jüngsten Schockwellen auf den Finanzmärkten hat Tremonti gestern das "Komitee für die Überwachung der Finanzstabilität" einberufen, dem die Banca d'Italia, die Börsenaufsicht Consob und die Versicherungsaufsicht Isvap angehören. Tremonti verlangt ein stärkeres Eingreifen der Regierungen und mehr Beschränkungen für die Banken: "Wir brauchen Regeln, die bestimmte Kontrakte verbieten, die die Nutzung von Steueroasen einschränken." Außerdem will er, wenn Italien im Januar den Vorsitz im Club der acht wichtigsten Industriestaaten (G8) übernimmt, ein "neues Bretton Woods" vorschlagen. In dem US-Städtchen hatten die Uno-Staaten 1944 ein System fester Wechselkurse vereinbart und den Grundstein für Weltbank und Internationalen Währungsfonds gelegt. Wie eine Neuauflage aussehen könnte, bleibt vorerst Tremontis Geheimnis.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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