Glaubenskrieg in US-Country-Szene
Halt den Mund und sing!

Seit die „Dixie Chicks“ die Irak-Politik von Präsident Bush kritisierten, herrscht unter Country-Musikern ein Glaubenskrieg. Vor den Kongresswahlen flammt der Konflikt wieder auf. Den Republikanern droht der Machtverlust in Senats- und Repräsentantenhaus.

NASHVILLE. Als ein Typ im langen Mantel die Bar verlässt, wirft er Paula eine Kusshand zu. Die schenkt ihm zum Dank ein strahlendes Lachen und einen wummernden Riff. Dann fliegen ihre Finger weiter am Steg der Telecaster entlang. Einer elektrischen Fender Telecaster Gitarre von 1968. Da waren viele von ihren Zuhörern in „Layla’s Bluegrass Inn“ noch gar nicht geboren. Aber Paula Jo Taylor war schon da. Irgendwie war sie immer schon da, ob in Indiana, in Fort Wayne oder an der Nashville Music Row. Und sie will es auch noch eine Weile bleiben. „Die Countrymusik vergeht nicht“, sagt die 50-Jährige. „Weil wir Bodenhaftung haben.“

Bodenhaftung, „Down to earth“. Paula tritt ans Mikrofon und singt einen eigenen Song: „You Play Like Chet“. Eine Hommage an den 2001 in Nashville verstorbenen Countrymusiker Chet Atkins. Paula hat mit ihrer Frauencombo „Broadband“ so viel Spaß an der Musik, dass es die Leute ansteckt. Sie klatschen und pfeifen, und so geht es an diesem Abend noch Stunden weiter. Bis zum Ende des zweiten Teils der Doppelschicht um zwei Uhr morgens. „We are here to stay“, sagt Paula noch einmal. Country, Nashville, Mutter Erde. Zu Hause. Nehmt uns das nicht weg.

Genau das aber hatte eine andere Frauenband versucht, zumindest wird es ihr vorgeworfen. Vor dreieinhalb Jahren, als sie öffentlich die amerikanische Irak-Politik kritisierte, als sie gegen den Branchenkodex „we are family“ verstieß. Seither ist in der Countryszene ein politischer Glaubenskrieg ausgebrochen, der sich nun wieder Bahn bricht vor den Kongresswahlen am 7. November. Denn den Republikanern droht nicht zuletzt wegen der zunehmenden Kritik am Irak-Krieg der Machtverlust in Senats- und Repräsentantenhaus.

Dreieinhalb Jahre ist es her, da gaben die „Dixie Chicks“ ein Konzert in London. Auf der Bühne schämte sich Sängerin Natalie Maines öffentlich für US-Präsident George W. Bush und dessen Irak-Politik. Kurz danach brach ein Sturm über die Country-Frauenband herein, ihre Songs wurden faktisch aus den Radiostationen verbannt, ihre CDs öffentlich verbrannt.

In Zeiten des Krieges und des Terrors hatten die Chicks ihre Heimat kritisiert und dies dazu noch im Ausland. „Verräter“ war noch die freundlichste Bezeichnung, die die drei Frauen über sich ergehen lassen mussten. „Entweder bist du für uns oder gegen uns“, schleuderte man ihnen entgegen. Die Rollen waren verteilt. „Shut up and sing“ – Halt den Mund und sing. So heißt auch die aktuelle Filmdokumentation über die Dixie Chicks.

Die Stimmung ist aufgeheizt im Land. Seit Vietnam war dies nicht mehr so in den USA, erzählen die Älteren. Und schon gar nicht in Nashville. Ein „Wahnsinn“ sei das, was sich seit den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11. September abspiele, sagt auch der Sänger und Produzent Ed Pettersen. „Wir leben mit dem ständigen Fear-Factor“ – dem Angstfaktor, den die Politik mit ihren permanenten Terrorwarnungen hochhalte. Und dem Schwarz-Weiß-Denken, das daraus folgt.

Wer Kritik übt, gilt schnell als jemand, der den Truppen im Irak in den Rücken fällt. Bei den Kongresswahlen geht es deshalb um mehr als nur um Mandate. Es geht darum, ob der Politikansatz von Bushs Republikanern eine weitere Absolution erhält, wie etwa der demokratische Senator aus Delaware, Joe Biden, meint.

Seit dem Krieg und seit dem Streit über die Dixie Chicks ist auch entlang der Music Row in Nashville alles anders. Seither gibt es die Etiketten rechts und links und dazwischen jene, die zwar manches denken, es aber nicht sagen. „Die Lehre aus der Katastrophe mit den Dixie Chicks ist, dass man mit Kritik seine Existenz aufs Spiel setzt“, sagt Wade Jessen. „Die Radiostationen haben enorme kommerzielle Macht“, erklärt der Musikjournalist. „Wenn sie dich nicht spielen, dann spürst du das.“ So wie die Dixie Chicks auf ihrer Tournee in diesem Jahr. Nur schleppend verkauften sich die Karten, im Süden und Südwesten der USA blieben die Konzertsäle oft halb leer. In ihrer texanischen Heimat wurden sämtliche Auftritte komplett abgesagt, nachdem die Radiostationen nicht einmal die Konzerte ankündigen wollten. Also spielen sie jetzt mehr Rock statt Country und klingen auf ihrer neuesten CD nach Fleetwood Mac. „Not ready to make nice“ heißt es da trotzig. Sich nicht anbiedern oder gar versöhnen. Schon gar nicht mit der Countryszene.

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