Global Reporting
Navinder Kalras Boomtown-Blues

Kürzlich war ein alter Freund zu Gast bei mir in Delhi, der es bei einer Bank zum Chefvolkswirt gebracht hat und viel Zeit in China verbringt. Von Indien war er leicht enttäuscht. Dabei veröffentlicht sein Institut Analysen, in denen das Land als nächste große Wirtschafts-Story gepriesen wird.

„Wo boomt es denn hier?" wollte er wissen, „sieben, acht Prozent Wachstum müssen sich doch sichtbar niederschlagen." Der Mann fährt in Schanghai Transrapid, sieht wie Hochhäuser Pekings Skyline verändern und ist von dort frisch geteerte Strassen gewohnt. Indiens Wirtschaftswunder gewandet sich schmuddeliger. Leider war keine Zeit, mit ihm rauszufahren in Delhis Trabantenstädte, wo Aufbruch in der Luft liegt.

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Chaotisch sprießen dort Callcenter, Bürokomplexe, Shopping-Malls und Appartementblocks aus dem Boden. Es gibt sogar die ersten Diskos.

Den nächsten Gast, der nach dem Boom fragt, werde ich einfach um die Ecke schleppen, zu Navinder Kalra in Khan Market. Sein winziger Fahrradladen quetscht sich zwischen den noch winzigeren „Delhi Candle Shop" und das „Delhi Cloth House". Mit gelassener Resignation trägt der weißhaarige Mann ein schweres Los: Er darf nicht reich werden, solange seine Mutter noch lebt. "Man hat mir schon drei Crore für diesen Laden geboten" sagt Kalra mit seinem Cockerspaniel-Blick. Das sind 520.000 Euro. „Wenn ich ihn vermieten würde, bekäme meine Familie zweieinhalb Lakh pro Monat." 4300 Euro – zehnmal mehr, als der Durchschnittsinder im Jahr verdient. Und viel mehr, als Kalra mit seinen Drahteseln einnimt. Denn die Geschäfte gehen schlecht.

„Die Leute werden reicher," klagt der alternde Händler, „von meiner früheren Kundschaft kaufen jetzt alle motorisierte Zweiräder." Und wer zuvor Roller fuhr, kauft das erste Auto.

Khan Market ist ein Barometer für steigenden Wohlstand. Der Ladenblock ist zwar umbrandet vom landestypischen Gewoge aus Motorrikschas, Rollern und Autos, umwabert von Abgasschwaden und umlagert von bettelnden Krüppeln wie alle anderen Märkte. Aber er ist auf dem Weg zum Lifestyle-Hub und längst Spielwiese für Delhis junge Schickeria.

Restaurants, teure Boutiquen, Galerien und Cafes, wo ein Milchkaffee so viel kostet wie in Europa, verdrängen die traditionellen Händler. Die Mieten explodieren. Spekulanten versprechen Altbesitzern Koffer voller Bargeld. Navinder Kalra sitzt auf einem Filetgrundstück mitten im Zentrum der Hauptstadt. Er wird langsam alt. Sein Produkt passt nicht mehr hierher. Aber er darf nicht verkaufen. „Meine Mutter will nicht," murmelt er, „sie sagt, ich soll arbeiten wie alle anderen.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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