Globalpolitik
Weltordnung am Wendepunkt

Die Finanzkrise beschleunigt einen langfristigen Trend: Die Supermacht USA verliert an Kraft, Schwellenländer wie China, Indien oder Russland gewinnen an Gewicht. Doch über das Tempo der Aufholjagd ist noch lange nicht entschieden.

BERLIN. It?s a damn good paper", rief George Bush im Weißen Haus seinen Gästen zu. Aus aller Welt waren die Führer der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen gekommen, um am eilig anberaumten "Weltfinanzgipfel" teilzunehmen. Vielleicht war dieser 15. November einer der bezeichnendsten öffentlichen Momente des Jahres 2008. Denn an diesem Tag hatte der scheidende US-Präsident unter dem Eindruck der Finanzkrise vieles von dem verraten, was ihm vorher wichtig war.

Bush stimmte im Abschlussdokument nicht nur einer Regulierung und Aufsicht der internationalen Finanzmärkte zu. An jenem 15. November buhlte er auch um die Gunst der neuen Mitspieler. Beim Bankett saß der chinesische Präsident Hu links neben ihm: Rechts war Brasiliens Präsident Lula platziert, daneben Saudi-Arabiens König Abdullah. Seit dem Beginn der immer weiter um sich greifenden Krise ist alles anders geworden. Schon wird in Washington aufgeregt diskutiert, ob Bushs Nachfolger Barack Obama bei seiner ersten Reise als US-Präsident nicht besser nach China statt nach Kanada oder Europa fliegen sollte.

Auf einen Schlag ist damit jene Machtverschiebung in der Welt sichtbar geworden, die sich bereits seit Jahren vollzieht - aber nicht angemessen wahrgenommen wurde. Zwar jagt der Aufstieg Chinas und Indiens schon seit längerem Schockwellen in die westliche Welt. Aber noch in den vergangenen zwei Jahren dominierten in den USA und Europa selbstbewusste Abwehrdebatten. Es ging vor allem um die Frage, wie etwa unerwünschte Firmenübernahmen durch milliardenschwere asiatische Staatsfonds verhindert werden könnten.

Da selbst der steigenden Ölpreis die Konjunktur nicht abwürgte, war der Westen auf ein "Weiter so" eingestellt. Beim Internationalem Währungsfonds und der Weltbank ging das amerikanisch-europäische Postengeschachere weiter. Länder wie China und Indien hatten auf G8-Gipfeln nach wie vor nur Gaststatus. Die Machtverschiebung in der Welt vollzieht sich eben nur schrittweise.

Die zunehmende Verschuldung der USA etwa wurden in der öffentlichen Wahrnehmung von anderen Faktoren überlagert. Sogar unter dem unbeliebten Präsidenten George W. Bush blieben die USA 2008 das Welt-Zentrum der Wissenschaft. An der technologischen Überlegenheit der US-Streitkräfte änderte sich nichts. Amerikas Führungsanspruch blieb bis zum Ausbruch der Finanzkrise ungebrochen.

Dabei lebten die Amerikaner schon seit Jahren mit einer Immobilien- und Kredit-Blase, die 2007 platzte. Oben lächelte der Koloss noch, unten wurden ihm längst die Beine weggeschlagen. Und als es darum ging, ob amerikanische Banken gerettet werden sollten, kamen die ersten mahnenden Anrufe aus China: Die chinesischen Gläubiger verlangten, ihre gigantischen Investitionen in den USA dürften keinen großen Schaden nehmen. Schließlich hatte niemand den amerikanischen Konsumtraum so gefördert wie China, das im großen Stil amerikanische Staatsanleihen aufkaufte und damit den Geldbedarf der USA befriedigte.

Jetzt reiht sich bei den Amerikanern eine Hiobsbotschaft an die andere: Die Automobilindustrie steht vor dem Kollaps. Außerdem droht die Kreditblase privater Konsumenten zu platzen - weitere 800 Mrd. Dollar könnten vernichtet werden.

Der britische Historiker Niall Ferguson vergleicht die USA deshalb mit dem Osmanischen Reich von 1870: Wegen der totalen Überschuldung verloren die Türken zunächst die Kontrolle über ihre Wirtschaft, dann ihren politischen Einfluss. Der Vergleich ist gewagt. Aber auch Altkanzler Helmut Schmidt betont: "Ich habe nie an ein amerikanisches 21. Jahrhundert geglaubt." Er setzt auf China, das eine Rolle spielen werde "wie seit einem halben Jahrtausend nicht mehr".

Auch wer den Investmentfonds Adia in Abu Dhabi besucht, bekommt den Eindruck, dass die westliche Vorherrschaft langsam dem Ende zugeht. Adia verfügt über 875 Mrd. Dollar. Westliche Manager stehen bei Adia Schlange, um Kapitalspritzen zu erhalten. Der Westen steht zum Verkauf.

Parallel dazu traten andere Staaten 2008 sehr selbstbewusst auf. Russland etwa hat der Nato mit dem Georgien-Krieg im Sommer klare rote Linien gezogen. Brasilien und Indien zeigen ihre Muskeln und ließen den Abschluss der Welthandelsrunde platzen. Und bei den Klimaschutzverhandlungen ist offensichtlich, dass die Industriestaaten nicht nur Geld und Märkte der Schwellenländer brauchen, sondern auch ihre politische Kooperation. Ohne sie wird es keine sinnvolle Vereinbarung geben. Der Preis für ihre Zusammenarbeit ist eine echte politische Teilhabe in den Welt-Gremien.

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