Gorbatschow-Buch
Der Ruf nach Freiheit

Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow räumt in seinem neuen Buch mit dem Vorurteil auf, er sei ein Freund Putins. Außenpolitisch stützt er den russischen Präsidenten zwar, greift ihn aber innenpolitisch scharf an.

DüsseldorfNun ist es endlich raus. Lange wurde Michail Gorbatschow als der Kronzeuge gehandelt für Wladimir Putins Aggression in der Ukraine. Immer wieder behaupteten auch deutsche Putin-Apologeten, Gorbatschow sei im Zuge der deutschen Wiedervereinigung zugesagt worden, die Nato werde nicht nach Osten erweitert. Russland werde umzingelt, betrogen, der Kreml wehre sich nur.

Nun gibt der große Förderer der deutschen Einheit in seinem am Donnerstag erscheinenden Buch „Michail Gorbatschow: Das neue Russland. Der Umbruch und das System Putin“ zu, dass von solchen Zusagen nie die Rede sein konnte. Und er geht Putin, den er außenpolitisch unterstützt, innenpolitisch so hart an wie nie zuvor. Klartext-Redner wird der große Zauderer von einst zwar nie, aber „Gorbi“ wird nun deutlich wie selten.

Denn der große sowjetische Reformer, der als KPdSU-Generalsekretär sowie als erster und letzter Präsident der UdSSR mit Glasnost und Perestroika sein Riesenreich wachrüttelte aus jahrzehntelangem, waffenstarrendem Stagnations-Schlaf, sieht sich inzwischen als „Störfaktor für die russische Regierung“. Der heutigen politischen Führung Russlands gehe es, so der heute 84-Jährige, um „ewigen Machterhalt“ und darum, „ohne jegliche Kontrolle regieren zu können und ihren eigenen materiellen Wohlstand zu sichern“.

Interessanterweise geht Gorbatschow dabei Putin sehr selten namentlich an, sondern macht immer eine imaginäre Machtelite in Moskau verantwortlich. Der Mann, der sein Land so änderte wie wohl kaum ein Mensch zuvor und dafür heute von den meisten — zumindest den vielen trinkfreudigen — Russen als „Mineralsekretär“ verspottet wird, prangert die Zustände im heutigen Russland massiv an.

Und er spricht damit auch jenen in der deutsch-russischen Debatte Hohn, die Gorbatschow bis heute zum Kronzeugen und Unterstützer von Putins Politik vereinnahmen wollen. Der Megareformer stellt sich sogar die Frage: Kehren wir zum Stalinismus zurück? 

Sein Rezept ist indes die von ihm schon im Todeskampf der totalitären Sowjetunion angewandte Strategie: Glasnost und Perestroika, Demokratie und Reformen. Der Mann, dem damals ähnlich wie Angela Merkel heute Zögerlichkeit als Taktik unterstellt wurde, antwortet mit Willy Brandts Losung „Mehr Demokratie wagen“: Er ist „überzeugt, dass Demokratie keinesfalls Eigenmächtigkeit und Chaos bedeutet“.

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