Gordon Brown
Der „Hineinregierer“ übernimmt

Auf den heutigen Tag musste Gordon Brown lange warten. Doch seine Geduld hat sich ausgezahlt: Der bisherige Schatzkanzler ist Großbritanniens Premierminister. Jetzt will er mit aller Kraft die politische Landschaft umbauen. An potenziellen Baustellen mangelt es jedenfalls nicht.

LONDON. Nach dem Lunch endeten Jahre des Wartens. Premierminister Tony Blair fuhr nach einem letzten Rededuell mit Oppositionsführer David Cameron in der Fragestunde des Unterhauses zum Buckingham-Palast und unterrichtete die Queen von seinem Rücktritt. Wenig später rief die Queen den neuen Labour-Chef Gordon Brown zu sich und ernannte ihn mit den Worten „Congratulation, Prime Minister" zum 52. Premier Großbritanniens.

Blair entschwand nach Westen zum Landsitz Chequers, wo er Unterschlupf findet, bis sein Stadtpalast am Hyde Park umgebaut ist. Blair will sich künftig neuen internationalen Aufgaben widmen. Brown zieht in die Downing Street Number 10 ein. Aber es wird keinen strahlenden Triumphzug geben wie 1997, als Fähnchen schwingende Anhänger die neue Labour-Regierung bejubelten. Nach Spendenskandalen, Irak-Krieg und Jahren des Strippenziehens muss Labour erst das Vertrauen der Briten zurückgewinnen. „Er muss Distanz zur Regierung Blair oder zumindest zu ihren Schwächen aufbauen", sagt der Glasgower Politikprofessor John Curtis.

Aber Brown hat auch eine eigene Glaubwürdigkeitslücke. Er wirbt für „new politics", hat aber als Vertreter von „old politics" zehn Jahre aus dem Schatzamt zentralistisch in jedes Ressort hineinregiert. Er ist weder durch eine Unterhauswahl vom Volk bestätigt, noch durch die traditionelle Führungswahl in der Labour-Partei, weil es keinen Gegenkandidaten gab. Oppositionschef David Cameron forderte bereits Neuwahlen: "Gordon Brown hat kein Mandat, um Premier zu sein." Wen die Briten wählen würden, ist unklar. Vor zwei Tagen gaben Umfragen Labour noch einen Vorsprung von drei Prozentpunkten, am gestrigen Dienstag lagen die Tories wieder mit dem deutlichen Abstand von fünf Prozentpunkten vor Labour.

Doch Brown blickt jetzt nicht auf Umfragen - der neue Premier will mit aller Kraft die politische Landschaft umbauen. Auf Blairs Strippenziehen und seiner Schlagzeilenpolitik sollen Browns Methodik und Prinzipientreue folgen. Blair sah sich als Premier für das 21. Jahrhundert. Brown tritt wie ein Tugendpolitiker aus dem 19. Jahrhundert an. „Pflichterfüllung, Ehrlichkeit, harte Arbeit, Familie und Respekt für andere" stehen auf seinem „moralischen Kompass". Daraus ergeben sich für ihn mehrere politische Schwerpunkte - beispielsweise die Förderung des Wohnungsbaus.

Denn nicht weniger als 1,6 Mill. Briten stehen auf Wartelisten für Sozialwohnungen. Der Wohnungsbau hält mit der durch Immigration wachsenden Bevölkerung nicht Schritt. Die Immobilien-Preisblase schließt immer mehr Wähler vom Wohlstandswachstum aus. Wenn Brown im dicht besiedelten Süden die Planungsvorschriften lockert, kann er sogar Streit mit den von Konservativen kontrollierten Gemeinden vom Zaun brechen.

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