Gordon Brown
Der schweigende Erbe

Nach zehn Jahre als britischer Premierminister übergibt Tony Blair die Macht an seinen Schatzkanzler Gordon Brown. Es ist ein Schritt mit Risiko: Browns hat Blairs Kurs entscheidend mit bestimmt, nun werden die Zeiten härter - und die Briten misstrauen dem schottischen Calvinisten.

LONDON. Der Countdown für den Machtwechsel in Großbritannien begann mit Scherzen um den Kabinettstisch in der Londoner Downing Street Nummer 10. Eine „herzliche, kameradschaftliche“ Kabinettsitzung, berichtete Minister Peter Hain. Schatzkanzler Gordon Brown soll überschwängliches Lob für Blairs „einzigartige Leistungen und einzigartige Führung“ gespendet haben.

Dann flog Tony Blair mit dem Flugzeug der Königin in seinen Wahlkreis Sedgefield, um im Labour-Club von Trimdon seinen Rücktritt anzukündigen. Gordon Brown zog sich wieder in seine Amtstube zurück, wo er seit Wochen Pläne für die Übernahme der Führung in der Labourpartei und Großbritannien schmiedet.

„Ich werde am 27. Juni bei der Königin meinen Rücktritt einreichen“, sagte Blair in dem kleinen, schäbigen Arbeiterclub, in dem vor über 20 Jahren seine Abgeordnetenkarriere begann. Dann zog er Bilanz. „Denkt zurück, wie es 1997 war“. Großbritannien sei moderner, wohlhabender und fairer geworden, „ein Land, das sich im 21 Jahrhundert wohl fühlt“, ein Land, „das nicht anderen folgt, sondern führt“.

Es gab ein nachdenkliches Wort, fast eine Entschuldigung über den Irak-Krieg, der große Schatten über seiner Amtszeit. „Vielleicht hatte ich unrecht. Aber ich tat das, was ich für richtig für unser Land hielt“. Dann sprach Blair von seiner tiefen Dankbarkeit: „Dies ist ein gesegnetes Land. Die Briten sind besonders und das wissen wir im tiefsten unserer Herzen.“

Es war genau wie in dem vor Monaten aus dem Pressbüro Blairs geschmuggelten Planungspapier zu Blairs Abschied: „Die Menschen sollen begeistert sein und nach einer Zugabe verlangen“. Brown wurde mit keinem Wort erwähnt.

Doch nun beginnt eine siebenwöchige Wahlprozedur in der Labour-Partei, aus der Gordon Brown als Sieger hervorgehen wird. Daran ändert auch die pro forma Kandidatur eines Labour-Linksaußen nichts. Einen ernsthaften Gegenkandidaten gibt es nicht. Der „Blairflügel“ zieht sich nun in den Schmollwinkel zurück. Seit Donnerstag gehört die Labourpartei den „Brownites“.

Der neue Mann lenkte zehn Jahre lang als Schattenschatzkanzler die britische Wirtschaftspolitik und führte das Land, mehr geachtet als geliebt, durch einen langen Boom. Als Freund Tony Blairs war er einer der Vordenker und Erfinder von „New Labour“. Als sein eifersüchtiger Rivale legte er Blair immer wieder Steine in den Reformweg. Aus seinem Wunsch, Blair abzulösen, machte er nie ein Hehl. Aber den Briten ist er bei alledem ein Rätsel geblieben.

Die Aufarbeitung der Ära Blair treibt die Briten seit Monaten um. Was bleibt von seinem Erbe? Wie kann die Labour-Partei aus ihrem Stimmungstief herausfinden? Brown schweigt zu all dem. Man spekuliert über das Feuerwerk politischer Initiativen ausgelöst, das Brown fertig in der Schublade habe, von grundlegenden Verfassungsreformen bis hin zu einem ehrgeizigen Wohnungsbau-Programm, das die Spirale steigender Hauspreise und wachsenden Verschuldung stoppen soll.

Aber niemand weiß, wohin Brown die Labour Partei führen wird. Wird er Blairs Reformen im Bildungssystem und im staatlichen Gesundheitsdienst NHS weitertreiben, um Qualität durch Wettbewerb und Einbeziehung privater Anbieter zu steigern? Oder wird er zur alten staatlichen Zuteilung von Diensten zurückkehren, wie es Traditionalisten fordern?

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