Gouverneurswahl in New York
Eliot Spitzer steht vor Erdrutschsieg

Der Wahlsieg Eliot Spitzers gilt als so sicher, dass die meisten politischen Beobachter bereits darüber nachdenken, was der 47-jährige Generalstaatsanwalt als nächstes plant. Ihm werden Ambitionen auf das Amt des US-Präsidenten nachgesagt.

NEW YORK. Wenn es auf den letzten Metern nicht noch zu einer Überraschung kommt, wird Eliot Spitzer am Dienstag zum neuen Gouverneur des US-Bundesstaates New York gewählt. Der als "Sheriff der Wall Street" bekannt gewordene Generalstaatsanwalt führt in den Umfragen vor seinem republikanischen Konkurrenten John Faso mit 50 Prozentpunkten. Spitzer wäre der erste Demokrat seit zwölf Jahren, der das Gouverneursamt in Albany erobert. Der Posten ist mit dem eines deutschen Ministerpräsidenten vergleichbar.

Der Wahlsieg Spitzers gilt als so sicher, dass die meisten politischen Beobachter bereits darüber nachdenken, was der 47-jährige Karrierejurist als nächstes plant. Ihm werden Ambitionen auf das Amt des US-Präsidenten nachgesagt. Doch die nächste Wahl steht schon 2008 an. Sie kommt viel zu früh, zumal Spitzer in Albany erst einmal beweisen muss, dass er die wirtschaftlichen und politischen Probleme New Yorks in den Griff bekommt. Dort hat es der neue Polit-Star nicht nur mit einem heillos zerstrittenen Parlament zu tun. Der Norden des Bundesstaates blutet wirtschaftlich aus. Industriebetriebe wandern ins Ausland ab, Jüngere verlassen die Region, weil sie keine Jobs finden. Die Steuerlast in New York gehört zu den höchsten in ganz Amerika. Die öffentlichen Ausgaben steigen dreimal so schnell wie die Inflationsrate. Reformen im Gesundheits- und Schulsystem sind überfällig.

Spitzer scheint von der Herausforderung unbeeindruckt: "Die Politiker in Albany haben keine Bodenhaftung und keine Ideen mehr", rief er kürzlich seinen Anhängern auf einer Wahlveranstaltung zu. "Am 1. Januar wird sich das ändern", versprach er. Andere sind skeptisch, ob der an ethisch eindeutige Kategorien gewöhnte Jurist das politische Feingefühl mitbringt: Das politische Amt gleiche "mehr dem Jonglieren mit 15 Bällen, die alle ein Eigenleben führen", sagt der Politikwissenschaftler Doug Muzzio vom Baruch College in New York.

Spitzer will auch in Zukunft genauso aufräumen, wie er das bereits in den vergangenen vier Jahren an der Wall Street getan hat. Erst zwang er die Investmentbanken zu einer Strafzahlung von 1,4 Mrd. Dollar, weil sie ihre Aktienanalysen geschönt hatten. Dann beendete er die dubiose Praxis einiger Finanzhäuser, bei Neuemissionen die attraktiven Aktienpakete einfach ihren besten Kunden zuzuschieben. Die großen Fondsgesellschaften mussten zahlen, weil sie Kleinanleger benachteiligt hatten. Die Versicherungsmakler stellte er an den Pranger, weil sie angeblich von der Assekuranz illegale Gebühren für die Vermittlung von Policen kassiert haben. Und schließlich klagte er noch den ehemaligen Börsenchef Richard Grasso an, sich illegal bereichert zu haben.

Mit der unnachgiebigen - viele sagen verbissenen - Manier eines Staatsanwalts hat Spitzer auf diese Weise nicht nur mehr als sechs Mrd. Dollar in die Staatskasse gebracht. Der Mann mit der hohen Stirn und den leuchtend blauen Augen hat sich auf diese Weise auch das Image eines "Kreuzritters" ("Time") der kleinen Leute erworben. Sehr zum Unmut der Mächtigen an der Wall Street, die in seinem Wirken lange den Amoklauf eines Egomanen gesehen haben. Die Finanzelite ist in Machtfragen jedoch pragmatisch. So hat der ehemalige Morgan-Stanley-Manager Donald Kempf kürzlich in einem Meinungsbeitrag für das "Wall Street Journal" erklärt, warum Spitzer gut für die Wirtschaft sei.

Pragmatisch ist auch der Kandidat. So ist Spitzer für die Todesstrafe, tritt aber zugleich für die Rechte von Frauen und Homosexuellen ein. In seinem Büro hängt ein Gemälde seines politischen Vorbildes Theodore Roosevelt. Der hat es nicht nur zum Gouverneur von New York geschafft, sondern ist später auch zum 26. Präsidenten Amerikas gewählt worden.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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