„Grand Paris“
Sarkozy kämpft gegen den Abstieg

Dem Aufstieg der östlichen Metropolen will Paris nicht tatenlos zusehen. Mit dem Mega-Projekt „Grand Paris“ will Staatspräsident Nicolas Sarkozy in die Fußstapfen Napoleons treten und die globale Bedeutung von Frankreichs Hauptstadt sichern. Und das um jeden Preis.
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PARIS. Der Hörsaal der juristischen Fakultät der Universität Creteil ist bis auf den letzten Platz besetzt. An diesem Abend füllen aber keine Studenten die Bänke. Vorne links auf den Klappstühlen sitzt sich ein Mittdreißiger Falten in seinen Anzug. Etwas hinter ihm hat eine ältere Damen in Strickjacken Platz genommen. Sie verbringen ihren Feierabend in der Vorstadt-Hochschule, um mehr über das städtebauliche Jahrhundertprojekt Frankreichs zu erfahren: Grand Paris.

Es lohnt sich für die Pariser, ihre Freizeit dem Projekt zu opfern. Es geht jetzt um ihre Stadt, um Paris, das Zentrum des alten Europas, Synonym für Glanz und Gloria. Aber eben auch Synonym für Vergangenheit. Das Zentrum der einstigen Weltmacht droht im Kampf der internationalen Metropolen zu verlieren. Vorbei die Zeiten, als der Philosoph Walter Benjamin Paris bewundernd als „die Hauptstadt des 19. Jahrhundert“ bezeichnete. Damals hatte unter Napoleon III. der Präfekt Georges Eugène Haussmann mit seiner radikalen Modernisierung Paris ein neues Gesicht gegeben. Nun will Sarkozy in die Fußstapfen Napoleons treten, um Paris Platz unter den Weltmetropolen zu sichern.

Denn für Zukunft stehen derzeit die Städte des Ostens, Hongkong, Shanghai, Singapur, Istanbul mit ihren jungen Bevölkerungen, ihrem Tatendrang, ihrer pulsierenden Schaffenskraft. Das wollen sie nicht auf sich sitzen lassen, nicht die stolzen Franzosen, vor allem aber nicht ihr Pomp verliebter Präsident. Deswegen nimmt Sarkozy in den nächsten Jahren Milliarden in die Hand: Aus Paris werde Grand Paris. Voilá.

Sarkozy und seine Mannen denken gleich ganz groß. Kernpunkt ihres Mega-Projekts ist eine vollautomatische Super-Metro, die Paris mit seinen Vorstädten und den Wirtschaftszentren wie La Defense und den Flughafen Charles de Gaulle verbinden soll. Wie eine große „Acht“ soll sich die U-Bahn um Paris legen. 155 Kilometer lang, 24 Milliarden Euro teuer.

„Paris soll voll und ganz seinen Platz unter den Weltstädten einnehmen“ tönte Sarkozy, als er das Projekt aus der Taufe hob. Um Paris' Ruf in aller Welt zu polieren, ist ihm fast alles Recht. Er peitschte sogar ein eigenes Gesetz durch das Parlament. Es gibt der „Société de Grand Paris“ unumschränkte Macht, die Mega-Metro zu bauen. 2023 soll Sarkos Superbahn fertig sein. Damit freilich ist es dem Präsidenten nicht getan. Grand-Paris soll nicht nur eine Mega-Bahn haben, es soll auch „ein völlig neues urbanes Konzept erhalten.“ Vorbild? Die Gigantomanen aus dem Osten. Neben der neuen Metro etwa, so beschloss es der Stadtrat kürzlich, soll im Zuge von Grand Paris auch wieder architektonisch groß gedacht werden. Hochhäuser etwa, entschieden die Politiker, dürfen ab sofort in Paris wieder gebaut werden.

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  • Ob das gut geht? Der französische Staat gibt schon jetzt für die ile de France (Großraum Paris) pro Kopf doppelt soviel aus wie für die Provinz. Diese Vernachlässigung der Provinz hat zu msassiver innerer Wanderung innerhalb Frankreichs geführt wegen der fehlenden infrastruktur und Desindustrialisierung, manche Departements haben mehr als ein Drittel ihrer bevölkerung verloren, die jetzt die trostlosen Vorstädte von Paris und anderen Großstädten übervölkern mit allen sozialen Konsequenzen.

    Woher soll jetzt noch mehr Geld für Paris kommen? Der franz. Staat ist ja jetzt schon so gut wie pleite. Die Provinz wird noch weiter verkommen zugunsten einer Chimäre.

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