Griechenland-Besuch
„Frau Merkel“ und der „liebe Antonis“

Die deutsche Kanzlerin und der griechische Premier kommen sich näher – aber nicht zu nah. Denn Antonis Samaras weiß: Ein zu vertraulicher Umgang mit Angela Merkel könnte ihm Schaden.
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Als der Luftwaffen-Airbus mit Kanzlerin Angela Merkel am Freitagabend in den Nachthimmel über Athen aufstieg und nach Norden abdrehte, ging für Antonis Samaras eine gute Woche zu Ende. Erst die geglückte Rückkehr an den Kapitalmarkt am Donnerstag mit einer Bond-Emission, die mehr als achtfach überzeichnet war; am gleichen Tag die neuesten Arbeitslosenzahlen, die zu bestätigen scheinen, dass die Talsohle auf dem Arbeitsmarkt durchschritten ist, auch wenn die Quote mit fast 27 Prozent immer noch katastrophal hoch ist; und schließlich der Besuch der Kanzlerin, die ihm gratulierte zu dem Erreichten, „Aufbruchsstimmung“ in Griechenland feststellte und weitere Unterstützung Deutschlands versprach.

Da ging die Autobombe, die tags zuvor neben dem Gebäude der griechischen Zentralbank in Athen detoniert war und zum Glück nur Sachschaden angerichtet hatte, fast unter. Griechenlands größte Zeitung „Ta Nea“ meldete auf der Titelseite eine „Explosion des Optimismus“. Das Blatt meinte damit die erfolgreiche Bond-Platzierung, nicht die Stimmung in der Bevölkerung.

„Griechenland hat es geschafft“, stellte Samaras zwar fest. Aber die Wahrnehmung der meisten Menschen ist eine andere. Die sechsjährige Rezession hat die Wirtschaftsleistung um ein Viertel schrumpfen lassen, die Kaufkraft der Durchschnittsfamilie um 40 Prozent geschmälert und eine Million Jobs vernichtet. Viele Griechen machen Angela Merkel und das, was sie als das „Spardiktat“ der Kanzlerin empfinden, für die Misere verantwortlich.

Dennoch hat sich die Stimmung entspannt. Gingen noch beim letzten Besuch der Kanzlerin im Oktober 2012 Zehntausende protestierend auf die Straßen, folgten diesmal dem Aufruf der radikal-linken Oppositionspartei Syriza nur etwa 1000 Demonstranten, die auch bald wieder den Heimweg antraten. Anders als 2012 gab es diesmal keine Straßenschlachten. Die Hasstiraden gegen Merkel haben sich gelegt.

Auch der Umgang der beiden Regierungschefs, die sich noch 2012 eher verkrampft begegneten, wirkte diesmal viel entspannter. Dennoch weiß auch Samaras: Beliebt ist die Kanzlerin in Griechenland nicht. Man duzt sich im Kreis der EU-Regierungschefs. Und so wendet sich auch Angela Merkel beim gemeinsamen Pressetermin mit ihrem griechischen Kollegen an den „lieben Antonis“. Doch der bleibt bei der förmlichen Anrede „Frau Merkel“. Samaras sucht den Schulterschluss mit Merkel, denn gegen die mächtige Kanzlerin läuft nichts in Europa. Aber zu viel Nähe zu Merkel – das könnte ihm innenpolitisch schaden.

Ohnehin muss sich Samaras vom radikal-linken Oppositionsführer Alexis Tsipras als „Merkelist“ beschimpfen lassen, der von den deutschen „Kolonialherren“ Sparbefehle entgegenzunehmen hat. Merkels Besuch in Athen sei lediglich eine Art Inspektion bei ihrem „Repräsentanten“ Samaras, höhnte Tsipras.

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Merkel: Griechen haben ihr Versprechen gehalten

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