Griechenland: Euro-Retter verschleppen den Konkurs

Griechenland
Euro-Retter verschleppen den Konkurs

Eine Viertelbillion Euro legen die Euro-Zone und Griechenlands private Gläubiger auf den Tisch, um Athens Zahlungsfähigkeit ein weiteres Mal zu sichern. Aber damit retten sie nicht Griechenland, sondern sich selbst.
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Dreizehn Stunden rangen die Finanzminister, um Athens Schulden zu drücken. Am Morgen stand eine Quote von 120,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf dem Papier, exakt vorausberechnet für das Jahr 2020. Eine Zahl, deren Präzision zeigt, in welcher Scheinwelt die Politiker der Euro-Zone agieren: Das Rettungspaket rettet Griechenland nicht. Das war auch nicht das Ziel. Gerettet werden soll die Gemeinschaftswährung - und dafür muss Griechenlands Mitgliedschaft in der Euro-Zone noch eine Weile am Leben gehalten werden. Konkursverschleppung nennt man das: Jeder weiß, dass Athen überschuldet ist. Aber den Insolvenzantrag unterschreibt niemand.

Erneut fließen 130 Milliarden Euro in die griechische Staatskasse, die privaten Gläubiger sollen zudem auf mehr als 100 Milliarden Euro an Forderungen verzichten. Und dennoch geht die optimistische Rechnung der Retter wohl nicht auf. Griechenland werde massiv entschuldet, urteilt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, „aber unsere Berechnungen zeigen, dass Griechenland selbst die deutlich gesenkten Schulden ohne die Umsetzung tiefgreifender Reformen langfristig kaum tragen kann.“ Von Sommer an steige die Wahrscheinlichkeit, „dass eine frustrierte Staatengemeinschaft Griechenland den Geldhahn zudreht“.

Auch die Experten vermeiden Schuldzuweisungen an die Adresse der europäischen Finanzminister. Die Aufgabe, Bürokratie und Wirtschaft des Landes auf den Kopf zu stellen, massiv zu privatisieren, zu sparen und gleichzeitig für kräftiges Wachstum zu sorgen, wird allein den Griechen zugewiesen. Tatsächlich hat die Regierung von Lucas Papademos zugestimmt – aber es ist eher ein Diktat der Euro-Partner, die ihm Wachstumsraten und gleichzeitig einen satten Primärüberschuss des Staatshaushalts ins Lastenheft schrieben. Wer die geforderten Maßnahmen tatsächlich umsetzen soll, wurde ausgeklammert. Schon im April sollen Neuwahlen stattfinden, die die Regierung in ihrer derzeitigen Form nicht überleben kann.

Das eigentliche Ziel der Euro-Gruppe ist es, Europa gegen den griechischen Virus zu immunisieren. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise arbeiten Europas Banken und Versicherungen mit Hochdruck daran, ihre Verbindungen zu Griechenland zu kappen – und inzwischen sind sie damit ein gutes Stück vorangekommen. Der staatliche Rettungsschirm EFSF steht, der dauerhafte Rettungsmechanismus ESM kommt im Sommer und auch die großen Wackelkandidaten Italien und Spanien haben Vorkehrungen getroffen. Nur Portugal muss immer noch damit rechnen, von Griechenland mitgerissen zu werden, doch das ist für die Eurostrategen verkraftbar.

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  • So ist es. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird es in diesem Frühjahr ein Wochende geben, das in Erinnerung bleiben wird. Wenn nicht, nehme ich mal an, dass wir es mit Hirnamputierten haben, die von sich annehmen, man könne Sie mit Verantwotungsträgern verwechseln.

  • Der Bericht der Troika und die Schlussfolgerungen der Politiker sind an Absurdität kaum noch zu überbieten. Mittlerweile bricht die griechische Wirtschaft kartenhausmäßig in sich zusammen, es gibt keinerlei realistischen Silberstreif am Horizont - trotz Rettungsschirmen in Höhe von Hunderten von Milliarden. Glauben die Politiker also dumpf ihrer eigenen Lügenpropaganda? Nein! Währungsschnitte müssen immer überraschend kommen - ein Freitag Ende März wird uns dann eventuell in Erinnerung bleiben.

  • @wonderland666
    Was schlagen Sie da vor? Als in den '80 die Familie in Gr mit 200€/Mon lebte (ohne Schulden zu machen), kostete die Tomate 0,15€/kg, das Leib Brot 0,10€ (oder weniger)...
    Der Unterschied ist, dass damahls der BIP grösser war, UND, dass inzwieschen in JEDER Wohnung ein Simens-Modem gibt (so wie zahlreiche andere Produkte, die der Gr plötzlich „brauchte“, wie zB made in D & F Waffen…)
    Das ganze kann man nicht zurückgegeben werden, oder? Alles war in € gekauft und muss in € abbezahlt werden!
    Das Problem in Gr ist WIE man produktiver wird, was verlangt der moderne Markt und was der Gr besser als die Konkurenz anbieten kann / wer dabei mit „know how“ helfen kann, ist (so wie die EU-Task-Force) hezlich eingeladen.
    Sonst:
    Die sogennanten „Sparmassnahmen“ bisjetzt vertiefen einfach die Verschuldung des Staates und zwingen immermehr Haushalte zur Veschuldung (bis 2000, lag die Haushalte-Verschuldung bei 20% des BIP, eine der niedrigsten in OECD, 2010 erreichte das 65% des BIP fast so hoch wie in D*!)
    *Quelle: Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ)

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