
ATHEN. Streik? „Kann ich mir nicht leisten“, sagt der Friseurmeister Fotis, zieht die Schere aus der Jackentasche und beginnt zu schnippeln. „Wenn ich nicht arbeite, verdiene ich kein Geld.“ Generalstreik in Griechenland gegen das Sparprogramm der sozialistischen Regierung: Das darf man sich nicht zu dramatisch vorstellen. Die Behörden sind geschlossen, Bahnen und Busse stehen still, die Fährschiffe liegen im Hafen von Piräus vertäut, und auch die Fluglotsen streiken.
Kleine Berufsgruppen, große Wirkung: Der griechische Luftraum blieb gestern für 24 Stunden komplett geschlossen, alle Flüge mussten annulliert werden. Aber nicht nur im Friseursalon „Gino“ in Glyfada wurde gearbeitet. Die Geschäfte und viele Banken waren geöffnet, auf den Baustellen drehten sich die Kräne.
Kampf um das 16. Monatsgehalt
Denn in der Privatwirtschaft haben die Gewerkschaften wenig Einfluss. Es gibt keine Streikkassen, so dass Arbeitsniederlegungen immer mit Lohneinbußen verbunden sind. Im öffentlichen Dienst dagegen sind die meisten Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert und streikfreudig. Über die Jahrzehnte haben sie sich bemerkenswerte Vorrechte erstritten: Manche Staatsbedienstete kassieren 16 Monatsgehälter und beziehen schon nach 25 Dienstjahren eine Pension. „Mich ärgert, dass jetzt wieder jene streiken, die ohnehin Privilegien haben“, sagt der Friseur Fotis.
Er meint Leute wie Pavlos, der nebenan im Cafe „Del Corso“ einen Cappuccino genießt. Pavlos arbeitet beim Zoll – und ist heute nicht zur Arbeit gegangen. Bereits vergangene Woche haben die Zöllner fünf Tage gestreikt, bis ein Gericht ihren Ausstand für rechtswidrig erklärte. Pavlos bekommt ein Grundgehalt von 1 640 Euro, dazu diverse Zulagen von rund 2 100 Euro, die er größtenteils nicht versteuern muss. Diese Zulagen will die Regierung um zehn Prozent kürzen. Pavlos muss also auf rund 210 Euro im Monat verzichten. „Dann kann ich meinen Lebensstandard nicht halten“, klagt der Beamte.
Dass der Streik viel bewirkt, glaubt er aber selbst nicht: „Die Regierung scheint ja entschlossen zu sein, das Sparprogramm durchzuziehen“, sagt er kleinlaut. Draußen geht ein schwer bepackter Briefträger vorbei. Bei der staatlichen Post ist die Streikmoral offenbar auch nicht besonders groß.
Der Chef des Gewerkschaftsbundes, Giannis Panagopoulos, gibt sich defensiv: Natürlich wisse man, dass die Finanzlage „schrecklich“ sei. Die Regierung müsse aber die Lasten des Sparprogramms gerechter verteilen und nicht allein jenen aufbürden, die für die Krise gar nicht verantwortlich seien. So stand es auch auf vielen Transparenten, die auf einer Gewerkschaftskundgebung in Athen hochgehalten wurden: „Die Plutokratie soll für die Krise zahlen“, forderte ein Spruchband der kommunistischen Gewerkschaft PAME. Etwa 25 000 Menschen nahmen an der Versammlung teil, in deren Anschluss es Zusammenstöße zwischen der Polizei und vermummten Chaoten gab, die sich als Trittbrettfahrer der Kundgebung versuchten.
Exzellenter bericht Herr Höhler, endlich mal einer der sich in Griechenland auskennt.
Habe gerade mal nachgeschaut: Hat ein deutsches bundesland eine Finanzkraft (je Einwohner) von 70 % des Mittelwertes, so wird durch den Länderfinanzausgleich und weitere Ausgleichzahlungen des bundes die Finanzkraft auf 97.5% (!) angehoben.
So etwas brauchen unbedingt auch in der EU, damit damit die armen, von unmässiger Sonneneinstrahlung gebeutelten Einwohner der PiGS-Länder ihren komfortablen Lebensstil beibehalten können und der EU auf ewig gewogen bleiben.
ich finde es schade, was da die griechische Presse gebracht hat. Es war die direkte Reaktion auf den Artikel vom Focus, der mich sehr getroffen hat. Nämlich nicht nur wegen der unschönen Geste einer eigentlich armlosen Statue, sondern als Spitze einer medialen Hetze in Deutschland gg. Griechen. Warum kann man nicht differenzierter von "beamten" oder "Staatsapparat" sprechen? Ein Kompliment an den Autor vom Handelsblatt, so sollte ein objektiver bericht aussehen, anders als Focus.
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