Griechenland hat die Wahl: Meine Griechen wählen

Griechenland hat die Wahl
Meine Griechen wählen

Seit 35 Jahren lebt und arbeitet Handelsblatt-Korrespondent Gerd Höhler in Athen. Er weiß wie Griechenland fühlt. Heute gehen „seine Griechen“ an die Wahlurnen – welche Ängste sie haben und welche Hoffnungen.
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AthenGriechenland steht vor dem vielleicht tiefsten politischen Einschnitt seit dem Beitritt des Landes zur damaligen Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1981. Einschnitt? Vielleicht wird es ein Absturz. Diese Wahl lässt keinen kalt – auch mich nicht. Nach 35 Jahren in Athen bin ich mehr als ein unbeteiligter Beobachter. Ich fiebere mit. Irgendwie geht es ja um „meine Griechen“.

Freitagmorgen kurz vor zehn auf dem Postamt im Athener Vorort Glyfada. Ich will ein verspätetes Weihnachtspaket abholen, das Mitte Dezember in Deutschland für mich aufgegeben wurde – ach ja, die griechische Post. Der Mann vor mir bezahlt seine Telefonrechnung, während er mit der Schalterbeamtin plaudert. „Einen schönen Tag noch“, wünscht er der jungen Frau und „kala apotelesmata“, was so viel heißt wie „ein gutes Wahlergebnis“.

Da strahlt die Postbeamtin: „Das wird bestimmt gut!“ Es ist nicht schwer zu erraten, dass es sich hier um zwei Anhänger von Alexis Tsipras und seiner radikal-linken Syriza handelt.

Als ich an die Reihe komme, mustert die Dame den Absender des Pakets und meinen Personalausweis. „Aha, ein Deutscher“, sagt sie. Das „Spardiktat“, von dem Tsipras im Wahlkampf immer wieder redet: Es geht nach Meinung vieler Griechen vor allem auf das Konto Deutschlands.

Die Post-Dame händigt mir das Paket aus und sagt schnippisch: „Für Sie wird der Sonntag ja nicht besonders erfreulich verlaufen.“ Ich bemühe mich um ein mildes Lächeln und schweige. Da bin ich wieder mal mittendrin im griechischen Wahlkampf.

Zurück im Büro, klingelt eine Stunde später mein Telefon. Auf dem Display sehe ich statt der Nummer des Anrufers nur vier Rautenzeichen. Merkwürdig. Ich nehme ab und höre eine Aufzeichnung: „Guten Tag, hier spricht Stavros Theodorakis vom „Potami“. Wir haben kein Geld für Plakate oder Fernsehspots, deshalb rufe ich Sie an. Wir sind die Neuen…“

„To Potami“, „der Fluss“, so heißt die neue Bewegung des Fernsehjournalisten Stavros Theodorakis. Er selbst beschreibt sie als „radikale Mitte“. Obwohl erst Anfang März 2014 gegründet, kam der Fluss bei der Europawahl drei Monate später bereits auf 6,6 Prozent. Mit sieben Prozent liegt die Partei in den letzten Umfragen auf Platz drei.

Damit könnte Theodorakis zum Königsmacher werden, wenn Tsipras die absolute Mehrheit verfehlt. Viele beruhigt diese Aussicht. Ich wähle zwar nicht in Griechenland, weshalb sich Theodorakis den automatisierten Anruf bei mir hätte sparen können. Aber wenn ich zur Wahl ginge, bekäme der Fluss wahrscheinlich meine Stimme. Denn die Partei ist dezidiert pro-europäisch: „Europa ist unser Haus, der Euro unsere Währung“, sagt Theodorakis.

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