Griechenland
Hohe Hürden für einen Marshallplan

In Griechenland setzt sich die Rezession fest, die Rufe nach einem Marshallplan werden lauter. Investitionen der EU in der Krisenwirtschaft machen tatsächlich Sinn, sagen Experten. Jedoch nur mit harter Kontrolle.
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DüsseldorfKaum haben die Griechen „Ja“ zum Sparpaket gesagt, da gibt es vor allem aus der SPD neue Rufe nach einem umfassenden Marshall-Plan für das Krisenland. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel fordert einen „Marshallplan über 20, 30 Jahre für Südeuropa“. “Wir müssen neben den aktuellen Hilfen dafür sorgen, dass Wirtschaft und Beschäftigung wieder in Gang kommen“, sagte Gabriel. Auch der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), fordert ein Wachstums- und Investitionspaket für das überschuldete Griechenland. „Flankierend zu den Sparbeschlüssen muss es dringend eine nachhaltige Investitions- und Wachstumsinitiative geben. Sonst verpuffen die Finanzmittel genauso wie frühere Pakete“, ergänzt Schulz in der „Rheinischen Post“. Und auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) hatte schon sehr früh ein solches Wiederaufbauprogramm ins Gespräch gemacht. Doch statt dessen konzentrierte sich die EU bislang auf finanzielle Rettungspläne.

Warum der Ruf nach dem Marshallplan immer wieder auftaucht und wieder abebbt, erklärt Alexander Kritikos, Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, so: „Es gibt zwei Meinungen, was Griechenland betrifft. Die einen sagen, Griechenland kommt alleine wieder auf die Beine, man brauche nur geschlossene Märkte zu öffnen. Die anderen sagen, wenn man nichts macht, bleibt die Struktur so wie sie ist. Dann ist Griechenlands Wirtschaft innerhalb des Euro-Raums jedoch nicht anschlussfähig.“ Dieser Meinung sei er auch, deshalb müsse das Land in der Tat mit einem Marshallplan unterstützt werden.

Wie schlecht es der griechischen Wirtschaft inzwischen geht, machten am Dienstag aktuelle Daten klar. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte im letzten Quartal 2011 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um sieben Prozent. Nach Berechnung der Nachrichtenagentur Bloomberg ergibt sich darauf ein Minus von 6,8 Prozent - und damit um rund ein Prozentpunkt mehr, als die griechische Regierung bislang angenommen hatte. Griechenland befindet sich damit im fünften Jahr in Folge in der Rezession.

„Die Frage ist jedoch, was man unter einem Marshallplan versteht und was er leisten kann“, sagt der DIW-Experte Kritikos. Der Begriff des Marshallplans sei mit den Hilfen für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eng verknüpft. „In Deutschland wurde mit seiner Hilfe nach dem Krieg zerstörte Industrie wiederaufgebaut. Das ist der große Unterscheid zu Griechenland: Dort gibt es keine Industrie, die wieder aufgebaut werden könnte. Die hat es auch nie gegeben." Daher müsse eine neue Wachstumsstrategie entwickelt werden, durch die eine zukunftsträchtige Wirtschaftsstruktur in Griechenland entstehen könne.

Für Griechenland gelte deshalb: „Man muss sich zwei, drei Bereiche herauspicken und in sie investieren.“ Das könnten einzelne Zweige im Industriesektor oder in den Dienstleistungen sein. Aber es werde nicht genügen, irgendwo ein paar Unternehmen auf die grüne Wiese zu stellen. Solche Investitionen müssten begleitet werden durch den Aufbau eines regionalen Innovationssystems, man benötige Universitäten oder Forschungseinrichtungen, die zu den Unternehmen passten, und Investitionen in junge dynamische Start-up Firmen. Also alles Bereiche, die staatlich finanziell gefördert werden müssen. „Und weil das Geld derzeit nicht vom griechischen Staat kommen kann – der griechische Staat hat kein Geld – muss es von der EU kommen – natürlich streng kontrolliert, versehen mit Finanzierungen auf Basis des Erreichens einzelner Meilensteine,“ erklärt der DIW-Experte.

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  • @juergen
    griechenland ist ein untergeschobenes kuckuckskind, das nicht erwchsen werden will.
    das gejammere um die schrumpfung der wirtschaft verstehe ich nicht. wir haben doch festgestellt, dass griechenland über seine verhältnisse gelebt hat- wenn jetzt privat- und staatskonsum zurückgeführt werden- was soll denn da anderes passieren? und bei den rahmenbedingungen und der militanz der gewerkschaften haben investoren wohl kaum eine möglichkiet in griechenland zu expandieren und dem negativen trend abzumildern. fragen sie doch die telekom, warum sie ihre mobilfunkanteile nicht aufstockt und andere unternehmen ebenfalls, die sich lieber aus griechenland zurückziehen.
    im übrigen beruht auch in deutschland ein teil unseres wachstums auf unvernünftigen subventionen und neuverschuldung - wenn die - endlich! zurückgeführt würden.. s.o.
    das ganze politische theater geht im übrigen nicht mehr um griechenland. die EBZ -trichet und noch maßloser DRAGHi- haben gesetzverstoßend soviel geld gedruckt bzw. drucken lassen, dass beim scheitern griechenlands auch die EBZ pleite geht und gerettet werden müßte. die eurokrise ist ein versagen der reifen,das soziale priorisierenden demokratien mit verantwortunglosen politkern

  • Die zahlreiche Nachteile dieser Entwicklung liegen auf der Hand. Fähige und gut ausgebildete Fachkräfte werden massenweise das alte Kontinent verlassen um ihr Glück anderswo zu suchen. Der Exodus hat schon begonnen und die Selbstmordrate ist auf das Dreifache gestiegen. Unzufriedenheit wird soziale Unruhen in den Peripherie Ländern als logische Folge haben, extremistische Parteien werden dadurch genügend Gefolgschaft finden oder alternativ Militärputsche. Diese dermaßen benachteiligte Länder werden unsere Schwachstelle sein und außereuropäischen Wirtschaftsmächten das Eindringen über diese Länder nach Europa erleichtern. Am Ende wird die EU daran zerbrechen.
    Was die Eurozone dringend braucht ist Wirtschaftskonvergenz, dies kann nur durch eine Änderung der EU- und Euro-Verträge erreicht werden

  • Der Morgenthau-Plan wird in der Währungsunion Realität
    oder horizontale Arbeitsteilung, mit Hochentwickelten Industrieländer und Bananenrepubliken innerhalb der Währungsunion.
    Die EU- und Euroverträge, von der deutsch-französische Interessengemeinschaft den anderen Mitgliedern diktiert, sind die Ursache dieser Entwicklung. Am Ende wird es, wie jetzt schon erkennbar, eine Konzentration der Euro-Industrie in einigen Länder mit größerer und stärkerer Wirtschaften stattfinden, während die kleinere Wirtschaften als Niedriglohnländer oder Bananenrepubliken degradiert werden. Als Produzent und Lieferant von Billigprodukte werden sich, diese europäische Bananenrepubliken gegen den Wettbewerb aus Asien, durch extrem niedrige Löhnen, wehren müssen. Ob mit Erfolg ist zu bezweifeln.

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