Griechenland-Krise
Betriebsanleitung für den Grexit

Noch wird um einen Kompromiss gerungen, doch ein Austritt Griechenlands aus dem Euro-Raum ist kein Tabu. Was hieße das für die Banken? Was kostet die Rückkehr zur Drachme? So könnte ein Grexit-Fahrplan aussehen.
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DüsseldorfLange wollte keiner der Verantwortlichen das Wort in den Mund nehmen. Inzwischen diskutieren Europas Mächtige offen über einen Euro-Austritt Griechenlands. Sollte es bis Sonntag keine Aussicht auf Einigung im Schuldenstreit mit Athen geben, könnte es zum Grexit kommen. Die Gefahr hat seit dem deutlichen „Nein“ der Griechen bei der Volksabstimmung am vergangenen Sonntag nach Einschätzung von Volkswirten zugenommen.

Muss Griechenland im Falle einer Pleite aus dem Euro-Raum austreten?

Nein. In den EU-Verträgen ist der Austritt eines Landes aus dem gemeinsamen Währungsraum mit seinen derzeit 19 Mitgliedstaaten nicht vorgesehen. Die Europäische Währungsunion ist eigentlich auf ewig angelegt. Doch die Kassen des griechischen Staates sind im Grunde leer, ohne frische Hilfsmilliarden kommt das Land nach einhelliger Einschätzung von Ökonomen nicht wieder auf die Beine. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hält am Euro in Griechenland fest („Im Übrigen ist auch klar: Griechenland bleibt Mitglied der Euro-Zone. Übrigens bleibt Griechenland Teil Europas.“). Viele Ökonomen halten allerdings den Grexit im Falle einer Staatspleite für wahrscheinlich. Bis zum EU-Sondergipfel am Sonntag (12. Juli) geben die Geldgeber der Regierung von Alexis Tsipras noch Zeit, zustimmungsfähige Reformvorschläge als Voraussetzung für neue Hilfen vorzulegen. Gibt es dann keine Einigung, muss eine Notlösung her.

Wie könnte es dann weitergehen?

Zwar könnte das Land zunächst auf dem Papier ein Euro-Land bleiben, wie lange, dafür gibt es keine Regeln. Allerdings wäre das Land gezwungen, Geld in einer eigenen Parallelwährung ausgeben, um seine Banken zu versorgen. „Die neue Währung würde abwerten gegenüber dem Euro, und damit würde das Land wieder wettbewerbsfähig“, erklärte jüngst ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Der griechische Staat könnte seinen Angestellten und Rentnern einen Teil ihrer Bezüge in Schuldscheinen auszahlen. Werden solche Papiere im Laden um die Ecke als Zahlungsmittel akzeptiert, könnte das zumindest vorübergehend funktionieren. Doch grundsätzliche Probleme blieben, etwa eine als aufgebläht geltende Verwaltung und ein als ineffizient geltendes Steuersystem.

Ist eine Parallelwährung eine Dauerlösung?

Lange dürfte die Wirtschaft des Landes das nicht durchhalten: Denn die Europäische Zentralbank (EZB) wäre spätestens im Fall einer offiziell festgestellten Staatspleite gezwungen, ihre Nothilfen (Ela) an griechische Banken einzustellen. Damit wäre das griechische Bankensystem pleite und das Land vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten.

Neue griechische Schuldscheine könnten rasch an Wert verlieren, Athen müsste dann immer mehr solcher Papiere drucken. Der wirtschaftliche Verfall Griechenlands würde sich verschärfen. Der Chef der französischen Notenbank, Christian Noyer, der im EZB-Rat über Ela-Hilfen mitentscheidet, warnte am Mittwoch im französischen Radiosender Europe 1: Die griechische Wirtschaft stehe am Rande einer Katastrophe. Falls bis Sonntag keine Einigung gelinge, könnte die Ökonomie des Landes kollabieren, sagte Noyer.

Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die heimische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung ihre Produkte viel günstiger anbieten. Heimische Produkte würden stärker nachgefragt, Importe teurer werden. Da die neue Drachme wohl rasch abwerten würde, käme es vermutlich schon nach ein, zwei Jahren wieder zu einem kräftigen Wirtschaftsaufschwung, weil weniger Importware gekauft und der Tourismus belebt würde, schätzt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Wie schnell könnte die Drachme wieder eingeführt werden?

Das dürfte Monate dauern – allein deshalb, weil die neuen Scheine erst gedruckt und in Umlauf gebracht werden müssten. „Die Staatengemeinschaft sollte den schwierigen Umstellungsprozess mit großzügigen Übergangshilfen abfedern, die für humanitäre Hilfen an die Ärmsten zweckgebunden sind“, schrieb Ifo-Präsident Sinn Anfang dieser Woche. „Ferner sollte sie Griechenland die Möglichkeit eröffnen, zu einem späteren Zeitpunkt gestärkt und zu einem anderen Wechselkurs in den Euro zurückzukehren.“

Kommentare zu " Griechenland-Krise: Betriebsanleitung für den Grexit"

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  • Möglicherweise hat das Herr Obama ja auch versucht, der ausgewiesenen Ökonomin Frau Merkel beizubiegen, für wen "over" ist, wenn der Grexit kommt.

  • Ein Schuldenschnitt würde einen Dammbruch darstellen, der (technisch) kaum noch beherrschbar wäre. Insoweit sind die Griechen in der Tat - und das sehen sie wohl selber so - in der besseren Verhandlungsposition: Die EU-Protagonisten können froh sein, wenn die Griechen ihr Geld nehmen und ihre Schulden damit bedienen.

  • der Grexit kostet also 350 MRD? und warum ist man gegen 1 Schuldenschnitt der auch 350 MRD kostet? ganz einfach, ...... beim Grexit muß man 100 Jahre weiter reinstecken, gell? ich hoffe dass der Schuldenschnitt kommt den man der Ukraine nachwirft und den GR verbietet. man kann denen die 350 MRD auch schenken damit unsere Kriegsschulden endlich weg sind, oder? ist doch egal?

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