Griechenland-Krise
„Die Europäer verschaukeln uns“

Enttäuschung und Resignation machen sich in der Bevölkerung Athens breit. Denn nach dem Scheitern in Brüssel glauben immer weniger Griechen an die Versprechen ihrer Regierung.
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AthenDie Stimmung in Athen war gestern so trüb wie der graue Himmel, aus dem immer wieder Regenschauer niedergingen. Nach den Verhandlungen der vergangenen Nacht, die keine Ergebnisse brachten, konnte man heute auf den Wochenmärkten in Athen Kommentare hören, die die Enttäuschung und Resignation der Bevölkerung widerspiegeln.

„Die Europäer verschaukeln uns, sie täuschen uns“, sagte die Rentnerin Chryssoula Tompasi. Ihre Pension sei seit 2010 von 1.800 auf 1.300 Euro gekürzt worden, rechnete die 67-Jährige vor. Jetzt werden ihr noch einmal fünf Prozent abgezogen und das Weihnachtsgeld von 400 Euro wird ebenfalls gestrichen. Von dem Geld muss die Frau auch ihre arbeitslose 38-jährige Tochter und ein sechsjähriges Enkelkind durchbringen. „Die neuen Kredite werden sowieso nichts bewirken“, sagt der Markthändler Stefanos, als er ein Kilo Tomaten für Frau Tompasi abwiegt, „außer, dass wir dann noch mehr Schulden haben.“

Die Griechen sehen sich als die Verlierer nach der Verhandlungsnacht, die keine Ergebnisse brachte. Ministerpräsident Antonis Samaras kann seinen Ärger kaum verbergen: Sein Land habe getan, was die internationalen Gläubiger verlangt hätten; nun müssten die europäischen Partner und der Internationale Währungsfonds auch halten, was sie versprochen hätten, sagte Samaras am Mittwoch.

Aus seinen Worten sprechen Enttäuschung und Sorge. Enttäuschung darüber, dass die Euro-Finanzminister ein weiteres Mal ohne Beschlüsse auseinandergingen. Und Sorge darüber, was dies für die ohnehin von inneren Spannungen strapazierte Athener Regierungskoalition und ihr Ansehen in der griechischen Öffentlichkeit bedeutet.

Es liege an den Griechen selbst, den Weg zur Auszahlung der bereits für Juni versprochenen Hilfsgelder zu ebnen, predigte Samaras seit Monaten. Unter Hinweis auf die Milliardenkredite, die helfen sollen, die strauchelnden Banken zu stabilisieren und die sieche Wirtschaft anzukurbeln, rang Samaras um Zustimmung seiner wankelmütigen linken Koalitionspartner zu dem neuen, harten Sparprogramm.

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  • Frau Tompasi, die Rentnerin mit bisher 1.800 €, müsste - wäre sie in Österreich - vermutlich in einer Position im Middlemanagement beschäftigt gewesen sein (aktive Letztbezüge um die 4.000 €) und ihre Rente ist deshalb sehr ordentlich. In GR erfreuen sich grundsätzlich sehr viele Pensionisten recht hoher Rentenbezüge bei gleichzeitigem sehr frühem Rentenantrittsalter. Österreichische ASVG-Rentner können davon nur träumen. Jetzt ist die STunde der Wahrheit gekommen und die "Geldgeschenke" der bisherigen korrupten griechischen Regierungen werden Zug um Zug gekürzt. Würden die griechischen Renten von griechischen Rentenkassen und Steuereinnahmen selbst finanziert, würde Frau Tompasi mit einem Bruchteil zufrieden sein müssen - eben mit dem, das ihr laut Rentenstatistik und Verzinsung eigentlich zustünde. Wie gut, dass es die dummen Nettozahler gibt, die ihre eigenen Rentner an den Rand der Armut treiben.
    Griechenland sitzt auf einem riesigen Öl- und Gasschatz, das weiß man schon seit Jahrzehnten, aber das wird totgeschwiegen, sonst müsste man ja die Schulden zurückzahlen - lieber solange jammern, bis der Schuldenschnitt kommt und dann wie Phönix aus der Asche mit eigener Währung bei Null durchstarten. Die Gläubiger gucken dann durch die Finger.
    Inzwischen hetzt man die eigenen Leute fleißig gegen die Nettozahler speziell Deutschland auf, sonst würden wohl schon reihenweise griechische Politiker gelyncht worden sein. Schöner Sauhaufen, dieses "gemeinsame" Europa.
    Kassandra

  • „Wir haben alles umgesetzt, was man von uns verlangt“, sagte Stournaras. Falsch: unterschrieben ist alles, was davon wirklich umgesetzt wird, wird die Zukunft zeigen. In der Vergangenheit ging die Umsetzung jedenfalls sehr schleppend voran. Wie auf einem Basar wurde immer wieder nachverhandelt. Das können sie, die Griechen. Und: Wenn eine Wittwenrente von 1800 auf 1300 Euro gekürzt wird fragt man sich doch zuerst: was hätte diese Dame vor der Zeit des billigen Geldes bekommen?

  • Man sollte meinen, dass die Griechen selbst daran interessiert sein sollten, ihr eigenes Problem der Überschuldung. Die seit 2010 gewährten Rettungskredite des IWF und der EURO Staaten waren eigentlich nur als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht, die zugegebenermassen nicht zielführenden Sparrauflagen und die strukturellen Reformvorgaben des IWF sollten Griechenland wieder auf den richtigen Weg bringen.
    Statt dessen gebärden sich die Griechen wie kleine Kinder, die brav (zumindest nach aussen) das tun, was die Eltern sagen, um dann die gewohnte Belohnung dafür zu bekommen. Verzögert sich die Belohnung aus Gründen, die nachweislich nicht aus reiner Absicht zu suchen sind, wird ein grollender Anspruch dafür angemeldet.
    Allein die Tatsache, dass die Rettungsmassnahmen jetzt an einem Punkt angekommen sind, den man wegen der verständlichen Weigerung zum weiteren Durchwursteln seitens des IWF
    als Beginn des IWF Ausstiegs aus den "Rettungsmassnahmen" deuten muss, zeigt die Wende in der Griechenlandrettung an, da bei einem Ausstieg des IWF auch andere EURO Staaten aussteigen werden..
    Es ist auch gut möglich, dass diese Zuspitzung von allen (oder einigen) Beteiligten, die sich vor allem bilateral in den zurückliegenden 4 Monaten ostentativ häufig trafen, absichtlich inszeniert wird, um den Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion gegen Ende des Jahres zu provozieren und vorzubereiten. Darauf deutet die schon seit Juli 2012 bekannte Forderung des IWF nach einer Umschuldung der öffentlichen Geldgeber, die man in den 4 Monaten hätte auf dem Verhandlungsweg lösen können, hin und die seit 3 Monaten plötzlich aus Deutschland verstummenden Austrittsforderungen an Griechenland.

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