Griechenland-Krise
Tsipras demontiert seinen Notenbankchef

Erst tauchte eine indiskrete E-Mail auf, jetzt fliegen hinter den Kulissen zwischen Griechenlands Premier Tsipras und Notenbankchef Stournaras die Fetzen. EZB-Chef Draghi kann dem Treiben nicht lange zusehen.
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AthenFreunde waren Giannis Stournaras und Alexis Tsipras nie. Als Stournaras Mitte 2014 von der damaligen konservativ-sozialdemokratischen Regierung zum Gouverneur der griechischen Zentralbank berufen wurde, protestierte der damalige Oppositionsführer Tsipras heftig. Jetzt fliegen die Fetzen zwischen dem Premier und dem Notenbankchef.

Anlass ist eine vergangene Woche verfasste und inzwischen an die Öffentlichkeit gelangte E-Mail aus Kreisen der Zentralbank. Unter dem Titel „Bilanz der 100 Tage“ (der neuen Regierung) listet das Non-paper, also das nicht offizielle Dokument, eine Reihe von Fakten auf, die für Tsipras wenig schmeichelhaft sind – wie den massiven Schwund der Einlagen im Bankensystem, den Absturz der Aktienkurse und Immobilienpreise, die wachsenden Zahlungsrückstände des Staates.

Der Premier sieht in der Mail eine Art Sabotage und warnte den Notenbanker im Parlament, er werde danach beurteilt, ob er „der nationalen Linie“ folge – also den Vorgaben der Regierung. Schon vor der Mail-Affäre klagte Nikos Pappas, der engste Tsipras-Mitarbeiter, gegenüber den Wall Street Journal, Stournaras zeige keine Kooperationsbereitschaft. Alekos Flambouraris, Staatsminister im Amt des Premiers, erklärte, es gebe „ein Problem mit der E-Mail“.

Spitzenposition mit Vertrautem besetzen

Die Regierung habe Stournaras noch nicht zum Rücktritt aufgefordert, erwarte aber „Erklärungen“. Stournaras ließ in einer knapp gehaltenen Mitteilung dementieren, dass die Mail, die an einen bekannten Finanzjournalisten adressiert war, von der Zentralbank stamme – was formal stimmt, aber eine Ausrede ist, weil die Nachricht offenbar von der privaten Mail-Adresse eines seiner engsten Mitarbeiter verschickt wurde.

Welches Ziel die Regierung mit ihren Sticheleien gegen Stournaras verfolgt, ist offensichtlich: Tsipras will einen Mann seines Vertrauens an die Spitze der Zentralbank setzen. Auch persönliche Animositäten dürften eine Rolle spielen.

Ein größerer Gegensatz als zwischen Tsipras und Stournaras lässt sich kaum denken: Hier der Ex-Kommunist, der seine politische Laufbahn als Schulbesetzer und Studentenfunktionär begann, in ökonomischen Fragen nicht beschlagen; dort der an der Eliteuniversität Oxford ausgebildete Wirtschaftsprofessor, der eine beeindruckende akademische Karriere mit reicher Managementerfahrung in der Finanzwirtschaft verbindet.

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Strafverfahren möglich

Kommentare zu " Griechenland-Krise: Tsipras demontiert seinen Notenbankchef"

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  • "Damals war Stournaras als Vorsitzender des Sachverständigenrates im Athener Finanzministerium maßgeblich an der Gestaltung und Umsetzung des Euro-Konvergenzprogramms beteiligt. " Das heißt, der Oxford-Akademiker gehörte zu denen, die der EU die manipulierten Daten unterjubelten. Dann möge doch Jusitzia ihre Waage hervorkramen... "Dass Tsipras gerade jetzt mit der öffentlichen Demontage des Notenbankgouverneurs beginnt, ist schwer nachvollziehbar."..eben noch hat der Notenbankchef durch sein Umfeld die Regierung angreifen lassen, und nun sollte Tsipras aus taktischen Gründen eine adäquate Antwort verwehrt sein ? Es wird sich erweisen, was stärker ins Gewicht fällt: die Vernetzung mit den Kumpanen genau der Eliten,die zwar seiten Jahren und Jahrzehnten verantwortlich gestalteten, aber keinerlei Schuld an irgendeiner Krise haben, oder die durch den Souverän legiimierte höchste Staatsgewalt.

  • "Was kostet uns der Euro?
    a) Muß Deutschland für die Schulden anderer Länder aufkommen?

    Ein ganz klares Nein !!!

    Der Maastrichter- Vertrag verbietet ausdrücklich, daß die Eurpäische Union oder die anderen EU- Partner für die Schulden eines Mitgliedstaates haften.
    ...
    Eine Überschuldung eines Euro-Teilnehmerstaats kann daher von vornherein ausgeschlossen werden. "
    Quelle: Wahlplakat der CDU 1999

    Bisher sind mindestens 80 Milliarden verloren. Wenn dann Target2 Salden, Reperationsforderungen und diverse andere Pleitekandidaten dazu gerechnet werden dann wird da schon das ein oder andere Billoenchen zusammen kommen. Aber kein Problem, der Deutsche zahlt das gerne. Deshalb waehlt er auch immer wieder CDU/SPD/Gruene. Also hoffentlich wird es recht teuer damit die CDU/SPD/Gruene Waehler nicht enttaeuscht werden.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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