Griechenland-Krise
Tsipras kriegt kalte Füße

Der griechische Premier will eine rasche Einigung mit den Gläubigern. Ein Reformpaket soll den Durchbruch bringen. Kommt es nicht zu einer Übereinkunft, möchte er die Bürger zu einer Volksabstimmung rufen – aber worüber?
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Seit drei Monaten ziehen sich die zähen Verhandlungen Griechenlands mit den Gläubigern nun schon hin, ohne nennenswerten Fortschritt. Der eigenwillige Athener Finanzminister Yanis Varoufakis kriegt in Brüssel längst kein Bein mehr auf den Boden, muss sich von seinen Kollegen als „Spieler“, „Amateur“ und „Zeitverschwender“ beschimpfen lassen. So kann es nicht weitergehen.

Angesichts leerer Kassen scheint jetzt Premier Alexis Tsipras endlich die Dringlichkeit einer Einigung erkannt zu haben. Er will die festgefahrenen Gespräche mit einer Reforminitiative flott machen und so Hilfsgelder loseisen. In Kürze soll das Parlament über den Maßnahmenkatalog abstimmen. Aber wirklich Neues enthält das Paket nicht.

Tsipras hält eine vorläufige Einigung im Schuldenstreit noch „in dieser, spätestens nächste Woche“ für möglich. „Wir stehen nah davor“, sagte der Premier am späten Montagabend in einem Interview mit dem griechischen Fernsehsender „Star TV“. Einen Zusammenbruch seines Krisenlandes und ein Ausscheiden aus der Euro-Zone schließt Tsipras aus. „Niemand in Europa hätte Nutzen davon, wenn es zum Bruch kommt“, sagte der Premier.

Auch Angela Merkel strebe eine Lösung an, verriet Tsipras. Der Grieche hatte am Sonntag mit der Kanzlerin telefoniert. Über den Inhalt des Gesprächs vereinbarten beide Stillschweigen. Man sei übereingekommen, künftig häufiger miteinander zu sprechen, so Tsipras.

Noch im Wahlkampf geißelte Tsipras die Kanzlerin als „gefährlichste Politikerin Europas“, die in Griechenland eine „humanitäre Katastrophe“ angerichtet habe. Dass er nun Merkels Rat und Unterstützung sucht, ist Teil des Lernprozesses, den der griechische Links-Premier zurzeit absolviert, der aber offenbar noch nicht abgeschlossen ist.

Denn Seitenhiebe auf die Kanzlerin kann Tsipras sich immer noch nicht verkneifen: Merkel sitze „in der Falle“, weil sie nicht eingestehen wolle, „dass die bisherige Sparpolitik gescheitert“ sei, so Tsipras.

Obwohl die Verhandlungen mit den „Vertretern der Institutionen“, wie die verhasste Troika jetzt auf griechischen Wunsch genannt werden muss, in der Sackgasse stecken, gibt sich Tsipras zuversichtlich. „Wir haben den Auftrag der Wähler, eine Lösung innerhalb Europas zu finden“. Er gehe auch davon aus, dass dies möglich sei, sagte Tsipras bei „Star TV“.

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  • Das "System", Herr Schuler, kann man in Teilen gewiss kritisieren. Ein weites Feld. Die überwiegend von Hellas selbst verschuldete "griechische Tragödie" ist aber in meinen Augen nicht geeignet, über die "immer reicheren Wohlhabenden und immer ärmeren Mittellosen" zu philosophieren. Der Unwille der Griechen zu Reformen und zur Änderung ihrer als permanenter Nehmer unpassenden "mediterranen Mentalität" ist doch legendär und über Jahre hinweg gebührend beschrieben und diskutiert worden. Schon Ende April 2010, als das erste Hilfspaket für das Land fieberhaft diskutiert wurde, sagte Dr. Jens Bastian, Ökonom und Spezialist für Südosteuropa bei der „Hellenische Stiftung für Europäische und Internationale Beziehungen“ (ELIAMEP) in Athen, in Bayern 2: „Die tiefe Krise in Griechenland ist das Ergebnis gesamtgesellschaftlicher Verantwortungslosigkeit der letzten 20 Jahre“. Mit „unschuldiger armer Süden“ versus „unsolidarischer reicher Norden“ haben die griechischen Probleme nicht im Geringsten zu tun. Das Land hat seit mindestens 30 Jahren beachtliche Unterstützung an EU-Mitteln erhalten. Von den meisten Milliarden weiß aber niemand genau, was tatsächlich wohin geflossen ist. Ein gigantischer Anteil stammt vom deutschen Steuerzahler. Nicht nur aber auch wegen GR-Förderung und -Rettungspaketen zahlen selbst der deutsche Normal- und Mittelverdiener schon lange zu hohe Steuern.

  • Es ist ein Schneeballsystem, ein Pyramidenspiel
    Alles läuft eigentlich (mathematisch) normal.
    Die armen werden immer ärmer, die reichen immer reicher - so funktioniert das, ob man will oder nicht.
    Jetzt will einer von den armen nicht mehr mitspielen, ja sogar die Spielregeln ändern. Etwa sogar die Umverteilung von oben nach unten fordern? Das ist (noch) nicht möglich. Die Spitze der Pyramide genießt den Wohlstand auf kosten der unteren. Erst wenn der Widerstand von unten zu groß wird, die große Masse die Last nicht mehr schultern kann, die reale Wirschaft dem System nicht mehr folgen kann, wird sich vielleicht was ändern - vorher nicht. Die Forderungen von Griechenland stoßen (noch) nicht auf Verständniss, da sie öffentlich das System kritisieren..........

  • Griechenland ist Pleite !
    Griechenland wird nie seine Schulden zahlen können !
    Griechenland ist dem EURO-Korsett nicht gewachsen, muss es auch nicht !
    Griechenlands Bürger werden mit diesem Korsett weiter leiden müssen, leider !
    Griechenland wird nie ein Industrie-Land werden, muss es auch nicht !

    Griechenland benötigt eine eigene Währung, die er einer Bewertung/Regelung unterziehen kann, je nach Situation ! Das lässt das Land wieder atmen und der Bevölkerung gibt es in Zukunft wieder Lebensqualität zurück !
    Raus aus dem EURO-GEFÄNGNIS ! Hat nie zu einem Land wie u.a. Griechenland gepasst !

    Die ca. 85 Mrd € die der deutsche Steuerzahler "investiert" hat, sind pfutsch !
    Sollte diese beschämende, politische Tragödie weiter anhalten, wird es immer teurer, das ist sicher für uns leidende Steuerzahler !!!

    Bitte nicht vergessen, Griechenland ist nur ein Land, das in die EURO-Krise gerutscht ist, es stehen noch weitere Kandidaten an, viel Spaß liebe Landsleute !


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