Griechenland-Krise
Tsipras tanzt den Limbo

Griechenland unter dem Schirm und womöglich vor dem Graccident: Die Schuldenkrise beschert uns immer neue Wortkreationen. Ein Überblick von Troika bis Grexit – und darüber, was die Hellenen mit dem Limbo zu tun haben.
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BerlinDas Lexikon der Euro-Krise ist um einen Eintrag reicher: Grimbo. Die Wortschöpfung verschmilzt Griechenland mit dem englischen Begriff Limbo und soll anzeigen, dass sich Athen finanziell in einem Zustand zwischen Leben und Tod befindet.

Damit fügen die Ökonomen der Citigroup, die schon den Kunstbegriff „Grexit“ kreiert haben, der Euro-Krise eine neue Facette hinzu: Statt des baldigen Austritts oder Rauswurfs Griechenland droht nun das Dauer-Koma. Dass Limbo im Englischen auch den Ort der Vorhölle markiert, verleiht Grimbo jene Zweideutigkeit, die so vielen Wörtern aus dem Krisen-Lexikon eigen ist. Die doppelte Botschaft stimmt in diesem Fall sogar und ist wohl auch beabsichtigt.

Oft dient das Vokabular der Krisenmanager aber nur dazu, Verwirrung zu stiften. Das Ultimatum ist dafür ein schönes Beispiel. Mitte Februar setzten die Euro-Finanzminister der neuen Regierung in Griechenland eine letzte Frist, um mit den Reformen zu beginnen. Passiert ist bislang kaum etwas. In Athen muss man das Wort Ultimatum als „Schau‘n mer mal“ verstanden haben.

Auch die in den Verträgen von Maastricht festgeschriebene „No-Bail-out“-Klausel hat man in einigen Krisenländern eher biblisch mit „Liebe deinen Nächsten“ übersetzt. Da die Finanzierung von Staatshaushalten der Europäischen Zentralbank (EZB) verboten ist, hat EZB-Chef Mario Draghi zahlreiche Abkürzungen wie Ela, OMT, LTRO und QE erfunden, um den Geldhahn dennoch weiter aufdrehen zu können.

Der Lieblingsbegriff von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ist „moral hazard“, was sich mit der Losung „keiner für alle, alle für einen“ übersetzen lässt und nicht nur den Griechen unterstellt wird. Dass das nicht funktionieren kann, wussten schon die vier Musketiere.

In die Irre führt auch der „Primärüberschuss“, der in Wahrheit gar kein Überschuss ist. Handelt es sich rein rechnerisch doch um einen positiven Saldo, bei dem die Staatseinnahmen die Ausgaben übertreffen. Aber eben nicht alle Ausgaben: Zinsen und Tilgungen werden nicht mitgezählt. Man lügt sich also selbst in die Tasche. Wenn wir schon dabei sind, die Begriffe neu zu definieren, dann können wir auch gleich Schulden als Wagniskapital bezeichnen. Der Schuldenschnitt ist dann einfach eine Fehlinvestition.

Die Gläubiger legen die Limbo-Stange immer niedriger

Manchmal lassen sich die Krisenbegriffe aber nicht mehr umdeuten. Dann tauscht man die Wörter einfach aus, am Inhalt ändert sich freilich nichts. So hat der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras die in Athen verhasste „Troika“ aus EU-Kommission, EZB und Internationalem Währungsfonds (IWF) einfach durch den technokratischen Begriff „Institutionen“ ersetzt.

Verhandeln müssen die Griechen allerdings immer noch mit den gleichen Leuten. Gespannt sein darf man darauf, wie die Bundesregierung das nächste Hilfspaket für Griechenland nennen wird. Wo doch Unions-Fraktionschef Volker Kauder gerade gesagt hat: „Das ist kein Thema.“ Jeder weiß jedoch, dass ein drittes Paket kommen muss, wenn Griechenland nicht pleitegehen soll.

Womit wir wieder beim Limbo wären. Der bezeichnet bekanntlich nicht nur die Grauzone zwischen Himmel und Hölle, sondern auch einen Tanz, der auf der westindischen Insel Trinidad erfunden wurde, und bei dem der Tänzer mit nach hinten gebeugtem Rücken akrobatisch unter einer waagerechte Stange hindurchtanzen muss.

Auch das passt ganz gut zur Lage Griechenlands: Aus Sicht vieler Hellenen legen die Gläubiger die Stange immer niedriger, während die Regierung Gefahr läuft, aufs Kreuz gelegt zu werden. In Grimbo steckt einfach alles drin.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

Kommentare zu " Griechenland-Krise: Tsipras tanzt den Limbo"

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  • Nein. Das war kein Ultimatum, sondern eine "greek deadline". So heißen jetzt die Ultimaten der EU.
    Greek, Statistics, Greek Deadline, Grexit, Grimbo... wie langweilig wäre doch unsere Welt ohne GR.

  • Ich halte es für ein Gerücht, dass Griechenland pleite wäre.

    Herr Riedel, die Griechen sind pro Kopf mit rund 28.000 € Staatsschulden verschuldet und die Deutschen sind mit 26.000 € Staatsschulden pro Kopf verschuldet.

    Natürlich ist die Staatsverschuldung der Griechen gemessen am BIP dramatisch höher. Nur kann man tatsächlich mit Privatisierungen und anderen Maßnahmen das BIP in Griechenland steigern.

    Ich sehe es nicht wie Sie, dass Griechenland gemessen an diesen Kennzahlen pleite wäre. Es fehlt aber der Wille in Griechenland, endlich einmal die Bürokratiehemmnisse und die Korruption abzubauen.

  • Wortspielereien hin oder her: Griechenland ist und bleibt pleite. Mit positiv
    besetzten Begriffen wie Primärüberschuss soll das normale EU Volk nur darüber
    hinweg getäuscht werden, dass die Verschuldungsspirale weiter geht.

    Ich war gestern bei meiner Sparkasse und sagte meinem Bearbeiter "ich habe einen Primärüberschuss, also positive Einnahmen vor Zinszahlung und Tilgung" meiner Hütte. Der hat sich totgelacht und mich nicht weiter für ernst genommen.

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