Griechenland-Krise verschärft
Krieg der Papiere

So viel Rot wie in einem schlechten Schuldiktat: Die Gläubiger schicken der griechischen Regierung ihren Reformvorschlag zurück, abgeändert nach ihren Forderungen. Entgegenkommen von beiden Seiten – Fehlanzeige.
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AthenEs müssen frustrierende Sitzungen gewesen sein, zu denen in der Nacht und am Donnerstagmorgen Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras und die Gläubiger-Institutionen EU-Kommission, EZB und IWF zusammengekommen waren: Man trennte sich ohne echte Annährung und warf das Nicht-Ergebnis in Form zweier sehr ungleicher Reform-Papiere den Euro-Finanzministern auf den Tisch.

„Es gibt eher eine größere Differenz als eine Annäherung“, sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nach der enttäuschenden Lektüre. Fortschritte seien in den Verhandlungen kaum erreicht worden. „Die Entscheidung liegt ausschließlich bei den Verantwortlichen in Griechenland“, sagte Schäuble.

In Regierungskreisen in Athen hieß es, die griechischen Vorschläge seien „äußerst realistisch“ und könnten sofort zu einer Einigung führen. Tsipras sei weitgehend bei dem am Montag eingebrachten Vorschlag geblieben, allerdings sei die angebotene Anhebung der Rentenbeiträge nach Protesten in Athen wieder kassiert und durch „gleichwertige Maßnahmen" ersetzt worden.

Die Minister müssten nun entscheiden, welches Papier zur Grundlage einer Einigung werden solle. Diplomaten in Brüssel erklärten, die Gläubiger seien auf einige griechische Forderungen eingegangen.

Das Entgegenkommen der Troika-Institutionen blieb allerdings marginal: Das Papier, das sie den Finanzministern vorlegten, ist in den wesentlichen Passagen zu Renten- und Steuerreformen noch das, mit dem IWF-Chefin Christine Lagarde am Mittwoch Tsipras konfrontiert hatte.

Hier lesen Sie das pdf, das die Änderungswünsche der Institutionen zeigen soll:

Greece Prior Actions - Tsipras' korrigiertes Angebot


Die Griechen hatten es als Affront begriffen: Ihr ursprünglicher Vorschlag, den die Regierungschefs der Euro-Zone noch am Montag als deutlichen Fortschritt gelobt hatten, hatten die Gläubiger auf Initiative des IWF in roter Farbe erst zusammengestrichen und dann ergänzt: mit jenen Forderungen, auf die sich EU, IWF und EZB am 2. Juni bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Kanzleramt geeinigt hatten. Dies sei der letzte Vorschlag, hatten die Troika-Institutionen an jenem Tag gesagt.

Kommentare zu " Griechenland-Krise verschärft: Krieg der Papiere"

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  • Falsch verstandene Toleranz? Wahrnehmungsstörung? Wohl doch eher mit den sog. Gläubigern? Denn zu 90% fließt die sog. "Hilfe" nicht an Griechenland, sondern an die internationalen Banken. Immer noch nachkarren, ein Land wurde systematisch ökonomisch zerstört, Austerität ist gescheitert, und verschlimmert diese Krise noch. Trotzdem spricht man hier in Deutschland von Toleranz? Dies war und ist offensichtlich der einseitigen ja in Teilen sogar an Volksverhetzung grenzenden Propaganda in Deutschland. Wieso kann man nicht genau die gleiche Großzügigkeit gegenüber Griechenland walten lassen, wie einst nach dem zwei Weltkriegen und Völkermord, gegenüber Deutschland? Zumal Griechenland nicht alleine an allem Schuld war und ist? Erst mit dem Diktat der sog. Austerität wurde es schlimmer, immer höher die Schulden, immer mehr Menschen ohne Arbeit, immer weniger Einkommen, keine Krankversicherung usw. AUSTERITÄT TÖTET. Und man schreibt hier von Toleranz? Die Mehrheit der internationalen Ökonomen sehen die Austerität als eines der Hauptursachen, aber nicht so in Deutschland?

    Am deutschen Wesen.....(?) Einmal einen Schritt zurück und für einen Moment innehalten, würde vielen Deutschen wirklich gut zu Gesicht stehen. In Anbetracht dessen, dass auch Deutschland nur durch die Großzügigkeit der internationalen Gläubiger wieder wirtschaftlich Erfolg hatte? Deutschland hatte zwar den Krieg verloren, aber der Geist von damals, die Mentalität ist wie man heute wieder liest, hört und sieht nie weg gewesen?

  • Da sieht man, wohin falsch verstandene Toleranz und Liberalismus führen -


    Irgendwann tanzen sie dir auf der Nase herum und lachen dich aus.

  • Bisweilen ist ein Blick in die Vergangenheit hilfreich, um daraus Erkenntnisse für die Gegenwart und die Zukunft zu gewinnen. Die Väter der europäischen Einigung - die zunächst als reine wirtschaftliche Interessengemeinschaft konzipiert war - waren von der Notwendigkeit eines gemeinsamen Werteverständnisses als Vorraussetzung für eine stabile Gemeinschaft zutiefst überzeugt. Obwohl die Kernstaaten der heutigen EU nach dem Krieg mit unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnissen in den einzelnen Ländern konfrontiert waren, bestand der gemeinsame Konsens darin, sich gegenseitig wirtschaftlich zu stärken, statt einen zwischenstaatlichen Umverteilungsmechanismus einzuleiten. In der heutigen EU, insbesondere in der Eurozone, findet unter dem Begriff der Solidarität eine Aufgabenteilung des Inhalts statt, daß einige Länder für das Erwirtschaften und andere Länder, allen voran Griechenland, für das Ausgeben zuständig sind. Das entspricht nicht mehr dem ursprünglichen europäischen Gedanken, er wird vielmehr ad absurdum geführt. Solidarität verdient nur derjenige, der zu eigenen Anstrengungen bereit und willens ist.

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