Griechenland-Premier in Berlin
Tsipras bei der „Eisernen Kanzlerin“

Das Geld ist aus – doch die Unterstützung der eigenen Bevölkerung immer noch groß: So kommt der griechische Premier Tsipras an diesem Montag zu seinem Antrittsbesuch nach Berlin. Dabei wird er nicht kleinlaut auftreten.
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BerlinIm Wahlkampf hat er sie immer wieder dämonisiert. Als „gefährlichste Politikerin Europas“ tituliert. Keine gute Basis für den Antrittsbesuch von Griechenlands Premier Alexis Tsipras bei Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. An diesem Montag ist es soweit.

Dass Tsipras den Deutschen die Stirn bietet, erfüllt viele Griechen mit Genugtuung. Denn die sehen in der Bundesregierung die treibende Kraft hinter dem, was sie als „Spardiktat“ empfinden. Merkel gilt als herzlos, als „Eiserne Kanzlerin“. Je selbstbewusster Tsipras im Kanzleramt auftritt, desto mehr Beifall kann er also daheim ernten. Der Grieche steckt allerdings in einem Dilemma: Zum Bruch mit Berlin darf er es nicht kommen lassen. Sonst ist sein Land schon in wenigen Wochen pleite.

Er fahre „ohne Druck“ nach Berlin, sagte Tsipras am Wochenende. Aber er wird den Gegenwind spüren, der ihm dort ins Gesicht bläst. Das Verhältnis der beiden Regierungen ist tief zerrüttet. Die Verstimmung färbt auch auf die Völker ab. Die Deutschen sind in griechischen Meinungsumfragen seit Beginn der Krise das unbeliebteste Volk. Sogar für ihren Erzfeind, die Türken, hegen sie freundlichere Gefühle als für die „Germanoi“. Drei von vier Griechen sehen in Deutschland ein „feindseliges Land“.

Inzwischen kippt auch in Deutschland die Stimmung: Während noch Anfang März 52 Prozent der Deutschen die Griechen im Euro sehen wollten, waren es Mitte des Monats nur noch 40 Prozent.

Tsipras wird deshalb in Berlin nicht kleinlaut auftreten. Er wird schließlich in Griechenland gewählt. Und dort notiert sein Linksbündnis Syriza in jüngsten Umfragen bei über 40 Prozent, nach 36,2 Prozent bei der Wahl Ende Januar. Allerdings: Die Zustimmungsquote seiner Regierung fiel von 83 Prozent im Februar unter 60 Prozent im März.

Das dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass Tsipras und seine Mannschaft in den ersten Wochen auch auf viele Griechen wie eine politische Laienspielschar wirkten. Umso mehr muss Tsipras darauf hoffen, dass sein Berlin-Besuch nicht nur in Deutschland für bessere Stimmung sorgt sondern auch in der Heimat gut ankommt – ein schwieriger Balanceakt, denn die Erwartungen sind diametral unterschiedlich.

Lange sprachen Merkel und Tsipras nur übereinander – und vonseiten Tsipras’ selten gut. Jetzt sprechen sie endlich miteinander. Obwohl: Mitunter scheint es, als rede man aneinander vorbei. Nicht nur, weil Tsipras’ Englisch trotz intensiven Sprachunterrichts während der vergangenen Monate immer noch schwer verständlich ist.

Erst am vergangenen Donnerstag hatte sich der Griechenpremier mit Merkel und vier weiteren EU-Spitzenpolitikern sowie EZB-Chef Mario Draghi in Brüssel zu einem Krisengipfel getroffen. Aber jetzt gibt es bereits wieder Unstimmigkeiten über die dabei erzielte Übereinkunft. Sie überschatten den Berlin-Besuch des Griechen.

Kommentare zu " Griechenland-Premier in Berlin: Tsipras bei der „Eisernen Kanzlerin“"

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  • Es gibt keine Marktwirtschaft mehr, die Eingriffe des Staates werden immer größer.
    Das heißt der Saat, nur ein kleiner Teilschuldner neben den Privaten, bestimmt den Preis des Geldes. Schon der Herr Goethe wusste, daß ist der Bankrott. Die Sache mit der vor EU-Zeit zu vergleichen ist realitätsfern.




  • Merkel als Eiserne Kanzlerin zu bezeichnen, ist schon dr Witz des Jahres
    Ein Adenauer würde sich im Grab umdrehen, wenn er dies DDR-rau erleben müßte, die das eigene Volk verrät und verkauft

  • Herr Gantz
    Nein, sie hätten diesen Rettungswahnsinn nie machen dürfen.

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