Griechenland-Premier
„Wir wollen Wellness-Zentrum werden“

Die Angst, vom Markt gejagt zu werden, und die Angst vor den Risiken der Finanzkrise ist für ihn eine andere Form des Terrors. Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou spricht über seinen Kampf gegen die Krise und die Vorwürfe der Europäer.
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Herr Ministerpräsident, Ihre Familie hat dramatische Zeiten erlebt, wurde von Generälen verfolgt, flüchtete ins Exil. Wann waren Sie verzweifelter, damals oder im Herbst 2009, als Sie als neu gewählter Premier in die griechischen Staatsbilanzen schauten?

Giorgos Papandreou: Wenn eine Diktatur einem die Freiheit raubt, wenn der Vater und der Großvater mitten in der Nacht verhaftet werden, dann ist das schon dramatischer. Man ist gelähmt von dem Gefühl, nichts tun zu können. Heute ist die Situation eine andere. Ich trage Verantwortung für das Land in einer sehr ernsten Situation. Es ist eine andere Form des Terrors, die Angst, vom Markt gejagt zu werden, die Angst vor den großen Risiken der Finanzkrise.

Ist es schwerer, gegen anonyme Marktterroristen zu kämpfen, als gegen die Junta?

Ich würde sie nicht Terroristen nennen, aber es gibt einen Terror des Marktes. In Griechenland herrschte ein Klima der Angst. Die Bürger wussten nicht, wie es weitergehen würde. Was würden sie verlieren? Ihre Arbeit, ihre Spareinlagen, ihre Pensionen, ihre Währung? Droht der Staatsbankrott? Die Medien schrieben darüber tagein, tagaus. Deshalb waren wir bei allen Reformen so klar und entschlossen wie möglich. Und wir waren schnell. Nicht nur für griechische Verhältnisse.

Sie sagten einmal, man müsse die Mentalität ändern, um in Griechenland erfolgreich zu sein. Das ist eine Aufgabe für Generationen. Wie kann man das in ein bis zwei Wahlperioden erreichen?

Mentalitäten werden geschaffen. Sie sind die Folge lang eingeübter Verhaltensweisen. Wir ändern die Mentalität, indem wir die Praxis ändern. Wir wollen Transparenz und das Leistungsprinzip im öffentlichen Dienst. Wir kämpfen gegen Korruption und Klientelismus. Wir wollen den Bürgern im Internet zeigen, wohin ihre Steuergelder gehen. Das Rechtsbewusstsein litt, weil die Bürger den Eindruck hatten, dass bis hinauf in höchste Regierungsränge Korruption herrschte. Wenn man durch transparentes Regieren neues Vertrauen schafft, dann werden die Leute auch selbst mehr Verantwortung zeigen.

Verantwortung und Gemeinsinn sind aber gerade, was man in Griechenland oft vermisst.

Nehmen Sie die Olympischen Spiele 2004. Alle sagten, dass die Griechen nicht organisieren könnten. Dass sie nichts freiwillig machten. Dass Athen schmutzig sei. Dass es Terroranschläge geben würde. Aber diese Spiele gehörten zu den bestorganisierten der Geschichte. Die Menschen sind keine Sklaven ihrer Gewohnheiten. Sie wollen Veränderung, und dafür haben sie uns gewählt.

Europäische Regierungen, die deutsche zumal, haben viel Geld für Griechenland bereitgestellt. Können Sie garantieren, dass das nicht vergebens ist?

Wir haben mit zwei Defiziten gekämpft. Nicht nur mit einem finanziellen, sondern auch mit einem Vertrauensdefizit. Mit schnellen und harten Entscheidungen haben wir Vertrauen zurückgewonnen. Es gibt erste positive Signale. Norwegische Fonds kaufen griechische Staatsanleihen, Qatar will in Höhe von zwei Prozent unserer Wirtschaftsleistung investieren, China kauft Anlagen im Hafen von Piräus. Griechenland ist kein Land mehr, um das man einen Bogen macht, sondern eine Investitionschance.

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