Griechenland vor dem Referendum
Propaganda-Schlacht um Athen

Tsipras‘ Anhänger und Euro-Gegner kleben eifrig Plakate und verteilen Flugblätter. Sie werben für ein „Nein“ beim Referendum. Wahlhilfe kommt sogar aus Venezuela. Aber auch die „Ja“-Kampagne hat prominente Unterstützer.
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AthenAuch der Lieblingsfeind darf nicht fehlen: Wolfgang Schäuble. Sein strenger Blick prangt auf einem der Plakate der „Nein“-Kampagne. Drei Tage vor dem Referendum hat in die Griechenland die Propaganda-Schlacht begonnen. Und die Aktivisten der Regierungspartei Syriza kleben besonders eifrig.

Im ganzen Land tauchen ihre Plakate auf. Sie verteilen Flugblätter. „OXI“ – „Nein“ – steht in Großbuchstaben auf ihren Zetteln. Sie wollen, dass die Mehrheit der Griechen bei der Volksabstimmung am Sonntag gegen die Angebote der Gläubiger von IWF, EZB und EU stimmt und den Kurs der Regierung von Premier Alexis Tsipras stützt.

Diejenigen, die in der europäischen Gemeinschaftswährung den Hauptgrund für die wirtschaftlichen Probleme Griechenlands sehen, sind besonders laut. Abends versammeln sich Euro-Gegner der Organisation „EPAM“ (Vereinte Volksfront) vor dem Parlamentsgebäude. Die betont patriotischen Anhänger der Bewegung wollen raus aus dem Euro und die Drachme wieder einführen. „Wir schenken euch eure Fahne und euren Euro“, steht auf einem ihrer Plakate.

Auch der Staatsapparat kommt nun auf Touren: Das Gesundheitsministerium habe per E-Mail die Direktoren der staatlichen Kliniken angewiesen, ihr Personal auf Nein-Linie zu bringen, berichten griechische Medien – Gesundheitsminister Panagiotis Kourouplis spricht von einer „Informationsmail“.

An der Fassade des griechischen Finanzministeriums am Athener Syntagmaplatz hing am Mittwoch ein riesiges Plakat: „Nein zu Erpressung und Austerität“ steht in Englisch und Griechisch darauf. Das Plakat ist wohl nicht zufällig vom 6. Stock aufgehängt worden – dort befindet sich das Büro von Finanzminister Yanis Varoufakis.

Der hat auch für seinen Blog noch einmal in die Tasten gegriffen und in sechs kurzen Punkten beschrieben, warum seine Regierung ein „Nein“ am Sonntag für richtig hält. Er schreibt beispielsweise, dass der IWF und viele Regierungen der Meinung sind, dass ein Schuldenschnitt nötig sei. Ein Punkt, der von den europäischen Gläubigern abgelehnt wird. Auch auf Twitter verbreiten Varoufakis und Tsipras ihre Botschaften mit Verve.

Griechenlands Premier führt die Nein-Kampagne an. Ein „Nein“ bei der Volksabstimmung werde seine Verhandlungsposition gegenüber den Geldgebern stärken, sagte der Premier noch einmal in seiner Fernsehansprache am Mittwoch. Die Befürworter eines „Ja“ widersprechen: Wenn die Griechen das Finanzierungsangebot und die Reformauflagen der Gläubiger ablehnten, sei das der Abschied vom Euro, warnen sie.

Die „Ja“-Kampagne hat viele Gesichter. Zu ihnen gehören der populäre parteilose Bürgermeister von Thessaloniki, Giannos Boutaris, der Athener Oberbürgermeister Giorgos Kaminis, der frühere Premier Kostas Simitis, der das Land Ende der 1990er-Jahre mit Reformen und einer Haushaltskonsolidierung in den Euro führte und der konservative Ex-Premier Konstantinos Mitsotakis. Trotz seiner 97 Jahre begab sich der griechische Polit-Methusalem diese Woche zur Kundgebung der „Ja“-Befürworter auf den Athener Syntagmaplatz.

Neuste Umfragen sagen ein spannendes Rennen voraus: 47,1 Prozent der Befragten würden demnach am 5. Juli für „Ja“ und damit für eine Zustimmung zu den unlängst von den internationalen Gläubigern des Landes vorgeschlagenen Reformmaßnahmen stimmen. 43,2 Prozent wären dagegen, ergab die aktuellste Befragung im Auftrag der konservativen Zeitung „Eleftheros Typos“.

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Propaganda-Schlacht um Athen

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Wahlhilfe aus Venezuela

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  • Hallo Herr Queri,
    mit dem 70% Nein-Tip sind Sie nahe an meinem Tip dran.
    Vor allem weil: zu was soll den "Ja" gesagt werden? Die Frist ist doch rum, da gibt es doch gar nix zum ja-sagen.
    Nein kann jeder Trotzkist noch sagen, dann kann er stolz erhobenen Hauptes von der Wahlurne schreiten.
    Eine dämlichere Fragestellung lässt sich wohl kaum finden. Und was man aus diesem "Ergebnis" zu schließen hätte: das wäre bestenfalls bei einem "Ja" problematisch, weil keiner wüsste zu was da ja gesagt wurde.

  • @ Max Mustermann
    << Verursacht wurde das ganze finanzielle Deasaster von Griechenland selber, in dem es über Jahre hinweg deutlich über seine finanzielle Verhältnisse lebte und sich das notwendige Kapital dafür lieh. Die Mitgliedschaft im EURO hat das natürlich erst ermöglicht, ändert aber nichts daran, wer Verursacher ist. >>

    So? Sie haben ja (im Gegensatz zu einigen anderen) schon mal richtig erkannt, dass ohne den extrem niedrigen Zinsen des Euro (de facto mit D als Bürgen) GR nicht in diese Verschuldungssituation gekommen wäre, die wir heute beklagen. Und was bedeutet das? Die damaligen Machthaber in GR (nicht Tsipras!) sind dem Euro-Raum beigetreten, um an das billige Geld zu kommen. Unsere "Experten", die wir überall zu sitzen haben, und die sich ständig ungefragt zu Wort melden, sollen das nicht erwartet haben?
    Man kann niemandem vorwerfen, Geschenke, die ihm angeboten werden, auch anzunehmen. Im Fall von GR haben sich diese Geschenke allerdings als giftig herausgestellt. Tsipras versucht jetzt das aufzuräumen, was die EU-Verbrecher (auch die aus GR selbst) diesem Land angetan haben.
    Dass die sog. "Troika" zudem GR auch noch teilweise deindustrialisiert hat und dem Land gewissermaßen "den Rest gegeben hat" (ähnlich der Treuhand in der ehem. DDR) sei diesmal nur am Rande erwähnt.
    Die EU-Bonzen haben GR damals in den Euro gelockt. Wobei ich mit Bonzen ausrücklich auch die aus GR meine. Und das ganze Land ist dadurch in Folge in die Armut gerutscht.

  • ich sehe das nicht als Drohung, sondern als Versprechen. Allerdings hoffe ich im Interesse der einfachen griechischen Bürger, das nicht Game over ist, sondern das Griechenland endlich mal Politiker bekommt/wählt (sie sind schon verhanden), die eine für die Bürger sinnvolle Politik betreiben. Das kann man auch durch die EU vernünftig fördern. Nicht durch sinnlose Projekte, bei denen gottweiswer verdient. Kredite darf es aber nicht mehr geben.

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