Griechenland wählt
Die ewige Wiederholung der Demokratie

Mitgezittert, mitgefühlt, mitgefreut: Wahlen in Griechenland lassen auch den langjährigen Handelsblatt-Korrespondenten in Athen nicht kalt. Viele Griechen sehen das diesmal allerdings ganz anders.

AthenMeine Nachbarin Ioanna geht heute nicht zur Wahl sondern an den Strand. „Ich habe im Januar gewählt, das muss reichen für die nächsten Jahre“, sagt sie. Mit zwei Freundinnen, die genauso denken, ist Ioanna zum Schwimmen verabredet.

Die Politiker sprechen von einer „Schicksalswahl“, die Medien kennen seit Wochen kein anderes Thema. Und Ex-Premier Alexis Tsipras, der auf eine Rückkehr ins Amt hofft, spricht sogar davon, diese Wahl werde darüber entscheiden, „wie sich das Rad der Geschichte dreht“. Aber Ioanna lässt das kalt: „Man muss die letzten schönen Sommertage nutzen“, sagt sie.

Fast vier von zehn Griechinnen und Griechen, so zeigen Umfragen, interessieren sich „wenig“ oder „gar nicht“ für diese Wahl. Das lässt eine schwache Wahlbeteiligung erwarten.

Dabei gilt in Griechenland Wahlpflicht – allerdings nur noch auf dem Papier.

Früher war das anders. Da hatte jeder sein persönliches Wahlbuch, in dem die Teilnahme an den Urnengängen akribisch attestiert wurde. Dieses Wahlbuch musste man bei vielen Behördengängen vorlegen. Wer keinen Wahl-Nachweis hatte, bekam Schwierigkeiten.

Die Wahlbücher wurden 1998 abgeschafft. Die Wahlpflicht besteht zwar weiter, Verstöße werden aber nicht mehr geahndet. Das hat dazu geführt, dass auch in Griechenland die Wahlbeteiligung sinkt – von 80 Prozent im Jahr 1974 auf 63 Prozent bei der Wahl im Januar.

Dabei wählen die Griechen, die ja als Erfinder der Demokratie gelten, eigentlich mit großer Begeisterung. Sie wählen auch häufiger als eigentlich vorgesehen. Die heutige Abstimmung ist eine Art Jubiläum: die 65. Parlamentswahl, seit die modernen Griechen 1829 erstmals eine Volksvertretung bestimmten.

Den häufigen Urnengängen verdanken  die Griechen ihre große Versiertheit mit Wahlen. Entsprechend reibungslos laufen die Abstimmungen ab. Im Juli organisierte das Innenministerium in nur acht Tagen eine Volksabstimmung – alles ging glatt. Hätte man das in Deutschland hinbekommen?

Auch bei der Auszählung der Stimmzettel haben die Hellenen inzwischen viel Übung. Mit speziellen, codierten Handys werden die Auszählungsergebnisse aus den einzelnen Wahllokalen an die Datenverarbeitungsfirma SingularLogic übermittelt, die im Auftrag des Innenministeriums die Resultate bündelt und in Echtzeit veröffentlicht.

Für mich ist es, seit ich 1979 nach Griechenland kam, bereits der 15. Urnengang – Kommunalwahlen, Europawahlen und Volksabstimmungen nicht gerechnet. Dass eine vierjährige Legislaturperiode voll oder wenigstens annähernd in voller Länge ausgeschöpft wird, habe ich in diesen Jahren nur zwei Mal erlebt: zwischen Juni 1985 und Juni 1989 und zwischen April 2000 und März 2004. Dass eine Regierung schon nach sieben Monaten um ein neues Mandat der Wähler bitten muss, weil sie ihre parlamentarische Mehrheit wegen einer Spaltung der eigenen Partei verloren hat, ist allerdings ein Novum.

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