Griechenland
Wer wenig hat, hat nichts zu verlieren

Wie gemalt liegt Organi zwischen Tabakplantagen und Obstgärten. Doch die Idylle trügt. Nirgendwo in Griechenland sind die Menschen ärmer als im 500-Seelen-Dorf. Trotzdem lassen sie sich nicht unterkriegen. Eine Reportage
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OrganiIn sanften Kurven schlängelt sich die Straße durch die Hügellandschaft. Der Weg von Komotini in der nordgriechischen Präfektur Rodopi hinauf nach Bulgarien führt vorbei an Obstgärten, frisch gepflügten Feldern und saftig-grünen Tabakplantagen.

Dann geht es durch dichte Eichenwälder immer höher in die Berge, die Fahrbahn wird schmaler, die Kurven werden enger. Das letzte Herbstlaub leuchtet golden in der Abendsonne. Kurz vor der Grenze ist das Ziel erreicht. „Organi“ steht auf dem verwitterten Schild am Eingang des Dorfes. Aus den Kaminen der kleinen Häuser mit ihren roten Dachziegeln steigt weißer Rauch in den ruhigen Abendhimmel. In den Stuben gehen die Lichter an.

Aber die malerische Adventsidylle täuscht. Rodopi ist die wirtschaftlich schwächste Region Griechenlands. Und kein Dorf hier ist ärmer als das 501 Einwohner zählende Organi. Das zumindest sagt die Statistik. Danach müssen die Leute von Organi mit einem durchschnittlichen Familieneinkommen von 8.620 Euro im Jahr über die Runden kommen. Zum Vergleich: Im Athener Villenvorort Ekali hat eine Familie im Schnitt 122.879 Euro im Jahr zur Verfügung. Im Landesdurchschnitt beträgt das mittlere Familieneinkommen immerhin 20.202 Euro und 35 Cents.

Das ärmste Dorf Griechenlands? „Ja, davon habe ich gehört“, sagt Aydin Basoglou und lächelt. Der 37-Jährige ist Dorfvorsteher von Organi, und ein wenig scheint er sogar stolz zu sein auf diesen letzten Platz, der ihm offenbar nicht wie ein Makel sondern wie eine Art Auszeichnung vorkommt. Denn wer hätte je von Organi gehört, wenn es nicht das ärmste Dorf Griechenlands wäre? Und würde jemals ein ausländischer Journalist die 790 Kilometer aus dem fernen Athen hier herauffahren, wenn nicht wegen der Armut?

Obwohl: Wer in Organi zerlumpte Kinder und bettelnde Greise erwartet, wird angenehm überrascht. Auf dem Schreibtisch des Dorfvorstehers stehen ein Faxgerät, ein Computer, ein Drucker und ein poliertes Messingschuld mit seinem Namen. Aydin ist kein griechischer Vorname. Basoglou gehört, wie alle Dorfbewohner, zur muslimischen Minderheit, die in der Präfektur Rodopi lebt. Die rund 150.000 Muslime Griechenlands sind überwiegend ethnische Türken.

Kommentare zu " Griechenland: Wer wenig hat, hat nichts zu verlieren"

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  • Und was hat denn das mit der Währungsunion und der Schuldenkrise zu tun?
    Was uns interessiert ist: warum haben deutsche Firmen nach Griechenland exportiert (maßenweise Rüstungsgüter), auch durch Bestechung und auf Kredit, dass jetzt die EU für die griechische Schulden aufkommen muss, während deutsche Firmen sich dort fett gefressen haben?
    Hier möchte ich eine ehrliche Antwort (aber ohne deutsches Ehrenwort, den schenke ich mir).

  • So viel Glück hatten die Christen in der Türkei nicht!
    Laut Internationale Gesellschaft für Menschenrechte:

    "Sie suchten geringfügige Anlässe, um die griechischen Bürger zu schlagen, zu inhaftieren, ihre Häuser auszurauben und sie derartig zu terrorisieren, dass die Griechen schnellstmöglich flüchten sollten. ... Mit dem Gesetz Nr. 35 vom 27. März 1964 wurden auf den beiden Inseln folgende Verbote durchgesetzt:

    Schließung aller griechischen Schulen (Volksschulen und Gymnasien) und Bibliotheken; das gesamte Inventar dieser Einrichtungen wurde beschlagnahmt. Zugleich wurden die griechischen Lehrer entlassen. Praktisch war es verboten, die griechische Sprache zu lehren.
    Die meisten Großgrundbesitzer wurden gezwungen, ihr Land zu Spottpreisen zu verkaufen. Im Jahr 1989 waren von 61.510 Morgen Land nur noch 164 Morgen in den Händen der Imbrer geblieben. Viele Tausende Hektar Weideland wurden per Gesetz zu Ödland erklärt und durften nicht beweidet werden.
    Es wurden zahlreiche offene Gefängnisse auf den Inseln eingerichtet, in denen über 2.000 Schwerverbrecher nach Belieben ein und ausgingen. Sie erschlugen ungestraft Griechen, vergewaltigten Frauen, brachen in Häuser ein usw.
    Die türkische Verwaltung errichtete anfangs vier Siedlungen und brachte türkische Neusiedler vom Festland. Diese Politik der sukzessiven türkischen Besiedlung dauert bis heute an.
    300 Kirchen und Kapellen wurden geschlossen, beschädigt und manche zu Kuhställen, Lagerhäusern sowie einige zu öffentlichen Toiletten umgewandelt!

    Nachdem die offenen Gefängnisse ihr Ziel erreicht hatten, wurden sie abgeschafft und die als Ödland deklarierten Weiden sind wieder ihrem ursprünglichen Bestimmungszweck zurückgegeben worden, werden aber nun von türkischen Zuwanderern genutzt. "

  • Es ist schon unglaublich, dass die griechische Propaganda bis in die Handelsblatt-Foren geschafft hat.
    Pomaken sind ethnisch gesehen, eher Slawen als Türken, geschweige denn Griechen. Man braucht nur deren Namen anschauen, dann weiss man bescheid; oder gibt es bei den Griechen Namen wie: Aydin, Mustafa, Recep?
    Nichtdestotrotz gibt auch ethnische Türken in Griechenland, die der griechische Staat zusammen mit den Pomaken als "griechische Muslime" ausgibt, und die jeweilige ethnische Zugehörigkeit der Muslime absichtlich ignoriert um den Einflussbereich der Türkei in der Aussenpolitik ins Leere laufen zu lassen.
    Ich habe selber keinen Pomaken kennengelernt der sich als Grieche "fühlt". Man ist, durch die gemeinsame Religion, eher Türke als Grieche.
    Auch eine angebliche Gleichberichtigung mit Bio-Griechen halte ich für ein Gerücht. Bis heute gibt es z.B. keinen einzigen muslimischen Polizisten in West-Thrakien. Man wird systematisch von staatlichen Arbeitsplätzen ferngehalten. Was dazu führt, dass die Mehrheit der Muslime sich mit der Landwirtschaft zufrieden geben muss, mit entsprechend niedrigeren Einkommen. Auch in der Privatwirtschaft werden einem Hindernisse in den Weg gelegt.
    Z.B. darf ein grosser Fleischfabrikant aus der Türkei kein Werk in Komotini eröffnen, weil es eben eine "türkische Firma" ist. Obwohl Arbeitsplätze dringend benötigt werden. Das ist aber ganz typisch für Griechenland: Nationale Interessen gehen dem Wirtschaftlichen vor.
    Macht ja nichts, Deutschland zahlt.

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