Griechenland
Wut auf dunkle Haut

Seitdem die rechtsextreme Partei Goldene Morgenröte ins Parlament gezogen ist, nimmt Griechenlands gewaltsamer Rassismus immer weiter zu. Doch ein Anti-Rassismusgesetz wurde man nicht brauchen, so die Regierung.

AthenGewalt ist keine neue Erfahrung für Omar Diallo. Sein Vater wurde getötet, er selbst saß als Oppositioneller in seiner Heimat Guinea im Gefängnis. Doch der brutale Rassismus, den er nach seiner Flucht jetzt in Griechenland erleben muss, schockiert den 28-Jährigen. Noch immer ist Diallos Kopf angeschwollen von dem brutalen Überfall vor einigen Tagen. Vor dem Hintergrund der schweren Wirtschaftskrise sind vor allem bestimmte Viertel der Hauptstadt Athen für Flüchtlinge und Einwanderer ein gefährliches Pflaster geworden.

Diallo war allein unterwegs in seinem Athener Viertel, als vier Unbekannte sich auf ihn stürzten. „Der eine schlug mit etwas auf meinen Kopf. Als ich hinfiel, prügelten sie weiter auf mich ein“, erzählt Diallo. Blutüberströmt blieb er liegen, bis ihn die Polizei schließlich ins Krankenhaus brachte.

In dem Stadtteil, in dem der Westafrikaner lebt, reiht sich ein leerstehendes Geschäft an das andere. „Zu vermieten“, „zu verkaufen“, steht an den Schaufenstern. Die wirtschaftliche Misere Griechenlands ist hier unübersehbar, sie ist der Hintergrund der Reise von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Donnerstag nach Athen. Migranten trifft nicht nur die Armut, manche Viertel sind für dunkelhäutige Menschen gefährlich geworden. „Es gibt Gegenden, in die wir nicht mehr gehen können oder nur noch in Gruppen“, sagt Diallo.

Diallos Geschichte ist kein Einzelfall. „Ich sah, wie zwei Kolosse einen jungen Pakistaner direkt vor mir verprügelten. Sie rannten durch den ganzen Bus, um ihn zu schnappen und warfen ihn dann brutal auf die Straße“, berichtet ein französischer Rentner, der in Athen lebt. „Ich bin nicht eingeschritten, weil ich Angst hatte.“

Nichtregierungsorganisationen zählten im vergangenen Jahr 154 Opfer rassistischer Gewalt, 107 davon in Athen. In acht Fällen sollen die Täter mit der rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte zu tun gehabt haben. Seit die Neonazis im Sommer vergangenen Jahres mit 18 Abgeordneten ins Parlament einzogen, habe die rassistische Gewalt zugenommen, sagt Diallo, der in seiner Heimat Politik studierte. „Seitdem fühlen sie sich politisch gestärkt.“

„Fast jeden Tag gibt es irgendwo im Land, besonders in Athen, rassistische Angriffe“, sagt auch Giorgos Tsabropoulos, der Leiter des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Athen. „Die Täter wollen nicht töten, aber sichtbare Verletzungen zufügen, um Angst zu verbreiten“, sagt Nikitas Kanakis, der Generalsekretär der Organisation Ärzte der Welt in Griechenland. Viele Opfer wenden sich an ihn, statt ins Krankenhaus und zur Polizei zu gehen.

Die Reaktionen der Regierung auf die rassistische Gewalt sind schwammig. Das Treiben der Rechtsextremisten sei „inakzeptabel“, die Goldene Morgenröte „eindeutig eine neonazistische Partei“, sagte der Minister für öffentliche Ordnung, Nikos Dendias, in einem Interview mit dem britischen Sender BBC. Andererseits lehnte er im selben Gespräch ein vom Europarat gefordertes Anti-Rassismusgesetz ab und führte den Zulauf für die Rechtsextremisten auf die wachsende Zahl von Flüchtlingen zurück, die eine „große Last für die Gesellschaft“ seien.

Die US-Botschaft in Athen warnt inzwischen Landsleute bei Reisen nach Griechenland vor „gewaltsamen Angriffen gegen Personen, die aufgrund ihrer Hautfarbe als Migranten angesehen werden“. Am stärksten gefährdet seien „US-Bürger afrikanischer, asiatischer, lateinamerikanischer oder nahöstlicher Abstammung in Athen und anderen großen Städten“.

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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